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Christo bescherte mit seinen Werken Freude, Überraschung, Neugier, ja oft Volksfestatmosphäre.

NACHRUF

Zum Tod von Aktionskünstler Christo: Paketbote der Welt

  • Simone Dattenberger
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Den Begriff Verpackungskünstler mochte er nicht, immerhin machte er Wunder wahr. Seine Werke umwehte der Wind der Freiheit. Ein Nachruf auf Christo.

Jetzt sind sie nach elf Jahren wieder vereint: Jeanne-Claude und Christo. Der Welt-Künstler Christo Javacheff, der am 13. Juni 1935 in Bulgarien geboren wurde und seit 1964 in New York lebte, ist am Pfingstsonntag gestorben. „Jeanne-Claude und Christo“ – das war ein Atemzug, und sie wurden immer in einem Atemzug genannt: dieses symbiotische Team, welches das Unmögliche möglich machte. Für sie galt stets: „Geht nicht, gibt‘s nicht.“ Und das ohne überhebliches Erfolgsmenschen-Gehabe. 

Als Jeanne 2009 starb, hatte man befürchtet, dass Christo seine Energie verlieren würde. Die Kraftmaschine lief jedoch weiter, weiter, weiter – bis jetzt. Nun werden die beiden wahrscheinlich Petrus und die Engel nerven, um Wolken verhüllen und Himmels-Installationen gestalten zu dürfen. Irdisch gibt es einen kleinen Trost. Die Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe, die Corona-bedingt verschoben werden musste, soll laut Christos Büro im kommenden Herbst durchgeführt werden.

Christo wird meist als „Verpackungskünstler“ tituliert, was ihm nicht gefiel. „Verhüllen“ war das Wort, auf das er Wert legte. Und er wusste, wie wichtig die richtigen Worte und Gesten sind. Schließlich musste er für seine selbstfinanzierten Mega-Projekte Menschen überzeugen, ob Landbesitzer oder Politiker, ob Verwaltungs- oder Sicherheitsbeamte, ob Kunstsammler oder Umweltschützer. Das war ganz, ganz selten leicht, weswegen so manches Konzept jahrzehntelang liegen blieb oder eben flachfiel.

Das Nützlichkeitsdenken hinter sich gelassen

Das Wunder ist, dass überhaupt so viel von all dem Unmöglichen verwirklicht wurde. Das lag auch an Christos zweiter Kunst, die der Kommunikation mit unterschiedlichen Menschen. Die Handwerkerin hat genauso verstanden, was der Künstler von ihr will, wie der Polizist, der die Besuchermassen leiten und schützen muss, oder wie der Gesellschaftslöwe, der seinen Einfluss geltend machen soll. Ihnen allen kam das Verhüllen seltsam vor, erst recht eine Kunst, die kein Geld einbringt, die nicht mal für die Ewigkeit gedacht ist – doch sie machten mit. Sie genossen den Wind der Freiheit, der weht, wenn wir das Nützlichkeitsdenken hinter uns lassen.

Vielleicht spürten sie auch, dass dieses Verhüllen tief in uns verwurzelt ist. Man verhüllt in der Karwoche vor Ostern das Kruzifix, bedeckt einen Leichnam, verhüllte früher das Haupt in Trauer und Schmerz, verhüllt den Kopf dessen, der hingerichtet werden soll. Christo verhüllt nicht Menschen. Er verhüllte und verschnürte ab Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre (!) Gegenstände – war also an der Spitze der Avantgarde. Später verhüllten Jeanne-Claude und er Gebäude und Land-/Wassermarken. Und sie werteten das Bedecken, das Nicht-sehen-Sollen und Nicht-sehen-Dürfen um: in Freude, Überraschung, Neugier, ja oft Volksfestatmosphäre. Christos und Jeanne-Claudes Versteckspiel ist heiter, feiert und genießt ungeniert Schönheit; vor allem macht es sehend.

Von diesem Wechselspiel profitierte am meisten der Deutsche Reichstag in Berlin. Der klobige Bau war schon vor der Wiedervereinigung extrem aufgeladen mit historischer und ideologischer Symbolik. Nach der Wende sollte dieses düstere Teil das Herz der neuen Hauptstadt des geeinten Deutschlands und einer besonders fried- und freiheitsvollen Demokratie werden. Architekt Norman Foster ackerte in seinen Umbauplänen am Befreiungsschlag. Jeanne-Claude und Christo gelang er 1995.

Menschen, die wie der jetzige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) tief an dem Projekt zweifelten, sind dem Paar und dessen Kunst längst aufrichtig dankbar (siehe rechts). Die silbern schimmernde Umhüllung riss den Bau aus seiner geduckten Schwermut und Unnahbarkeit. Er durfte Kunstwerk sein – und eines, das eben nicht hehr war, sondern heiter, über das man schmunzeln durfte, das Menschen aus allen Schichten anzog. Kirmesgaudi war genauso erlaubt, wie das still-versunkene Anhimmeln von Schönheit. Die glückselige Stimmung in der Menschenmenge für zwei Wochen im Jahr 1995 wird den Reichstag, Berlin und Deutschland hoffentlich für immer prägen.

Wenige Arbeiten waren so politisch wie das Reichstags-Projekt

Wenige von Jeanne-Claudes und Christos Arbeiten sind so offen politisch. Oft werden sie es durch die Reaktionen der Regierenden und Verwaltungen. So begrub der Künstler 2017 wegen Donald Trumps Verhalten das seit 20 Jahren gehegte Projekt „Over the River“ im Staat Colorado, das den Arkansas River großartig in Szene gesetzt hätte. Ein anderes Konzept von Jeanne-Claude und ihm konnte Christo 2016 am Lago d’Iseo (nahe dem Gardasee) realisieren, die „Floating Piers“.

Sein Team, das maßgeblich von seinem Neffen geführt wird, und er akzentuierten die dramatische See-Berglandschaft mal nicht durch Verhüllungen, sondern mit dunkelgelb leuchtenden Stegen und Strandumrandungen. Letztere erinnerten an die rosafarben „Surrounded Islands“ von Miami in den frühen Achtzigerjahren. Entscheidend war in Italien jedoch der Traum vom Auf-dem-Wasser-Gehen. Auch dieses Land-Art-Werk löste einen Volksfest-Sog aus: beglückend und gefahrvoll. Ein hinreißender Dokumentarfilm hat dem Projekt, Christo und seinem Team ein Denkmal gesetzt. Das brauchen seine Fans nun, da er tot ist, doppelt als Trost spendende Erinnerungsstütze. Für die anderen ist das Erlebnis „Christo in Aktion“ ein Muss.

In dem Film wird außerdem deutlich: Christo ist populär, aber nie anbiedernd. Nicht im Umgang, nicht in seiner Kunst. Sicher, seine Zeichnungen zu den Konzeptionen sind grundsolides Handwerk. Das sicherte ihm übrigens sein Auskommen, als er dem kommunistischen Bulgarien entfleucht war und sich ab 1958 in Paris mit Porträts durchschlug. Durch die lernte er auch das höhere Töchterchen Jeanne-Claude kennen. Der Wind der Freiheit trug die beiden jedoch nur durch Verhüllungen und kühne Eingriffe: Beim ersten Versuch musste die junge Dame noch die Pariser Polizei ablenken. Christo hatte 1961 als Reaktion auf den Bau der Berliner Mauer eine Straße in der Seine-Stadt mit einer Mauer aus Ölfässern versperrt (ein „Material“, das er jüngst wieder verstärkt nutzte). Da musste er doch nach dem Fall der Mauer belohnt werden.

Ausstellung:
„Christo and Jean-Claude“ im Berliner Palais Populaire, Unter den Linden 5; bis 17. August, Mi.-Mo. 11-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr; Eintritt frei.

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