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Der König des Rock‘n‘Roll: Chuck Berry (1926-2017)

Nachruf auf Chuck Berry

Nachruf auf Chuck Berry: Der Thron ist verwaist

München - Er hat nicht nur die Rockmusik erfunden, sein Song „Johnny B. Goode“ ist zudem im Weltall unterwegs, um Außerirdische über die Errungenschaften der Menschheit zu informieren. Jetzt ist Chuck Berry im Alter von 90 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Es ist natürlich wahr, was Stevie Wonder einmal festgestellt hat: Es gibt nur einen „King des Rock“ – und das ist Chuck Berry. Der Mann hat, das kann man nicht anders sagen, die Rockmusik, wie wir sie kennen, überhaupt erst erfunden. Er hat die Standards gesetzt, die bis heute gelten – was die musikalische Struktur, aber auch was die Texte angeht. Berry ist das immer bewusst gewesen – und ebenso der Grund, weshalb ein anderer als „King“ verehrt wird. Chuck Berry, 1926 in St. Louis, Missouri, geboren, hat einfach die falsche Hautfarbe. Die Kollegen immerhin huldigen ihm, das nimmt Berry durchaus mit Genugtuung zur Kenntnis. John Lennon etwa erklärte, man könne statt „Rockmusik“ einfach auch „Chuck Berry“ sagen.

„Maybellene“ ist Chuck Berrys Durchbruch

Es ist freilich ein langer, mühsamer Weg für Berry, bei seinem Durchbruch mit „Maybellene“ ist er schon fast 30. Schuld ist ein Fehlstart. Wegen mehrerer bewaffneter Raubüberfälle muss der junge Berry bis zu seinem 21. Geburtstag in eine Jugendbesserungsanstalt. Danach hält er sich mit Aushilfsjobs über Wasser und tritt in seiner Freizeit in Clubs auf. Berry liebt eigentlich den üppigen Klang der Bigbands, wie die von Count Basie und Duke Ellington. Bei seinen Auftritte freilich setzt er auf Rhythm’n’Blues, den kann er mit wenig Aufwand alleine aufführen. Deswegen ist die Gitarre bei ihm so dominant und nicht nur Begleitinstrument. Berry spielt auch Soli und melodische Bögen. Heute ist das selbstverständlich, damals sehr ungewöhnlich.

Berry mischt Rhythm’n’Blues und Country

Berry kann sich keine große Band leisten, übernimmt quasi alles alleine. „Ich musste eine Familie ernähren, da denkt man eben wirtschaftlich“, begründet er das sehr pragmatisch. Aus demselben Grund baut er zunehmend Country-Elemente in seine Musik ein. Er bemerkt, dass er auf diese Weise sein Publikum erweitern kann – immer mehr weiße Zuschauer kommen. Genau diese eigenwillige Hybrid-Züchtung aus Rhythm’n’Blues und Country ist Berrys Werk.

Mit ihm zieht Alltagssprache in die Liedtexte ein

Gleichzeitig revolutioniert er die Texte. Er verwendet Alltagssprache, sülzt nicht von ewiger Liebe, sondern erzählt kleine Geschichten. So wie in seinem vielleicht berühmtesten Lied „Johnny B. Goode“, in dem es um einen Burschen aus der Provinz geht, der nur seine Gitarre hat und damit sein Glück machen will. Sicherheitshalber ändert Berry im Text „Colored Boy“ noch in „Country Boy“ um. Die Erkenntnis, dass man eigentlich über alles schreiben kann, was man erlebt oder beobachtet, elektrisiert eine ganze Generation junger Musiker. Berrys Einfluss auf Bob Dylan und die Beatles kann gar nicht überschätzt werden.

Berry kann auch ein mieses Aas sein

Doch gerade, als es gut für ihn läuft, erleidet seinen Karriere 1959 einen Knick. Er lässt sich mit einer Minderjährigen ein und muss dafür wieder in den Knast. Zurück in Freiheit tourt Berry sicherheitshalber lieber in Großbritannien, wo man ihn geradezu religiös verehrt. Dafür sieht man ihm viel nach, denn Berry kann ein ziemlich mieses Aas sein. Er spart sich eine eigene Band und bucht seine Begleitmusiker immer am Veranstaltungsort. Ist billiger. Manchmal probt er mit ihnen, manchmal nicht. Konzerte gibt es nur gegen Bares – im Voraus. Viele Auftritte sagt er kurzfristig ab, wenn ihm etwas nicht passt. Neue Alben nimmt er seit den Siebzigerjahren nicht mehr auf. Die Produktionskosten sind ihm zu hoch, außerdem vertraut er den Plattenfirmen nicht so recht. Obendrein weiß Berry nichts anzufangen mit der neuen Popwelt, die es ohne ihn gar nicht gäbe.

Angeblich hat er an einem neuen Album gearbeitet

Erst im vergangenen Jahr, anlässlich seines 90. Geburtstags, kündigt er ein neues Album an. Vielleicht erscheint es noch – vielleicht ist es nicht fertig geworden. Ein typischer Chuck Berry zum Abschied. Der König ist tot, sein Thron bleibt leer. Einen Nachfolger gibt es nicht.

Zoran Gojic

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