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Doris Day starb mit 97 Jahren in ihrem Haus im kalifornischen Carmel.

NACHRUF

Doris Day - die Diva von nebenan

Irgendwann hatte sie ihr Image weg. Doch Doris Day war nicht das harmlose Platinblondchen. Ein Nachruf auf die Hollywood-Ikone.

Carmel - Ein Fan klingelt an der Einfahrt einer Villa. Doris Day soll hier leben. Und tatsächlich meldet sich Day selbst an der Gegensprechanlage, plaudert nett und erklärt sehr liebreizend, weshalb sie leider nicht an die Tür kommen könne – sie lebe jetzt privat. Aus. Wie gesagt: unglaublich charmant. Und unmissverständlich.

Eingefangen ist diese Szene in der sehenswerten Dokumentation „What a Difference a Day makes“ aus dem Jahr 2010. Anfang der Siebziger hatte sich Day entschieden, der Unterhaltungsindustrie den Rücken zu kehren. Und so diszipliniert, wie sie zuvor ihre Filme abgedreht hatte, so diszipliniert ging sie bis zu ihrem Tod der Öffentlichkeit aus dem Weg. Ein Mysterium, irgendwie unwirklich.

Aber das war Doris Day, 1922 als Doris Kappelhoff geboren, ja bereits als Schauspielerin. Immer perfekt frisiert, patent, schlagfertig. Eine Frau von unerschütterlicher Freundlichkeit, die immer das Richtige tut – so feierte Day in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Film-Klassikern wie „Picknick im Pyjama“ (1957) oder „Ein Hauch von Nerz“ (1962) Triumphe. Und selbst in einem Thriller von Alfred Hitchcock wie „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) war sie nur ganz kurz aus der Fassung zu bringen, um die Sache dann doch noch zu regeln. In diesem Fall: ihren entführten Sohn zu retten. Passenderweise mit dem Singen des Evergreens „Que será será“. Alles andere hätte auch nicht zu Day gepasst, und es war ein Geniestreich, wie sich Hitchcock das zunutze machte.

Schauspielerin wollte sie gar nicht werden

Dass Doris Day in dieser an sich grotesken Szene überzeugt, mag an der Hingabe liegen, mit der sie sich in das Lied wirft. Singen ist ohnehin ihre wahre Leidenschaft, Schauspielerin wollte sie eigentlich gar nicht werden. Schon als Teenager tourt sie mit Bigbands – damals noch mit langer Mähne – und hat bald schon erste Hits. Damals verpasst man ihr noch schnell den Künstlernamen „Day“, das deutsche Kappelhoff ist nicht verkaufsfördernd – schließlich kämpfen die USA noch im Zweiten Weltkrieg.

Days glasklarer und schwungvoller Gesang katapultiert sie nach oben, sie arbeitet schnell mit den Größen der Branche. Und erhält 1947 das Angebot, nach Hollywood zu gehen. Nicht weiter ungewöhnlich, die Traumfabrik hält immer Ausschau nach zugkräftigen Stars, und eine gut aussehende Blondine mit Radiohits kann man schon vermarkten. Das ist Kalkül. Day wird rasch für luftige Komödien gebucht, bei Warner Brothers, dem Studio, das sie unter Vertrag genommen hat, findet man, das passe zu ihr und ihrer Musik.

Die Filme laufen, die Lieder aus den Filmen werden Hits, es funktioniert. In den nächsten 20 Jahren wird Doris Day einer der erfolgreichsten Filmstars der Zeit – und ohne ihre Absicht zum Inbegriff moralinsaurer Biederkeit. Die Filme, in denen es fast immer darum geht, aus unsortierten Romanzen vernünftige Familienverhältnisse zu zimmern, befördern dieses Bild. Doch die Schauspielerin ist nicht glücklich darüber, dass man sie derart eindimensional wahrnimmt: gewissermaßen als Frau ohne Unterleib. Eine nette Person, aber irgendwie harmlos. Groucho Marx verleitet das zu dem legendären Kalauer, er habe Doris Day schon gekannt, bevor sie eine Jungfrau geworden war.

Ihr Image hat mit ihrem eigentlichen Charakter wenig zu tun

So harmlos, wie alle denken, ist Day allerdings nicht. Bereits zu Beginn ihrer Karriere schnappt sie sich den damals mit einer anderen Frau verheirateten Filmproduzenten Martin Melcher, der fortan die Geschäfte führt und für viele ihrer Filme mit verantwortlich zeichnet. Und weil die Produktionen um eine attraktive Blondine mit zementierter Kurzhaarfrisur und Problemlösungskompetenz ausgezeichneten Umsatz machen, wird eben immer wieder dieses Thema variiert – am liebsten mit dem gut aussehenden Rock Hudson, der keine echte Gefahr ausstrahlt. Dass Hudson sich privat nicht für Frauen interessiert, merkt Day nach eigenem Bekunden nie.

Sie erkennt selbst, wie sehr sie in diesem Image, das mit ihr privat nicht viel zu tun hat, gefangen ist. Dennoch nimmt sie es hin. Den Erfolg gefährden will Day nicht – und in der Filmauswahl vertraut sie ihrem Mann. Tatsächlich lehnt sie viele interessante Rollen ab, am berühmtesten ist die Absage, die verruchte Mrs. Robinson zu spielen, die in „Die Reifeprüfung“ dem jungen Dustin Hoffman den Kopf verdreht. Es wäre ein Coup gewesen – und mutmaßlich ein Befreiungsschlag für Doris Day. Aber die Vorstellung, eine reifere Frau zu verkörpern, die einen Studenten verführt, gefällt ihr nicht.

Day hat das Filmgeschäft ohnehin ein wenig satt und spürt, dass ihre Zeit zu Ende geht. In den Sechzigern stürmen junge Filmemacher das alte Studiosystem, nackte Haut wird salonfähig, überall geht es um das Überwinden überholter Vorstellungen. Eine Sauberfrau wie Doris Day passt da nicht ins Bild. Als ihr Mann 1968 stirbt, beschließt sie auszusteigen. Mit knapp Mitte 40 und nach gut drei Dutzend Filmen ist Schluss.

Plötzliches Verschwinden aus dem Filmgeschäft

Eher widerwillig führt sie noch durch eine Fernsehshow, die ihr verstorbener Mann zunächst ohne ihr Wissen für sie ausgehandelt hatte. Vertrag ist Vertrag – und sie will sich nicht nachsagen lassen, ihren Pflichten nicht nachzukommen. Im Jahr 1973 ist dann aber endgültig Feierabend. Doris Day verschwindet. Sehr selten taucht sie auf, etwa, wenn man ihr Auszeichnungen verleiht oder wenn es um Tierschutz geht. Doch Day verweigert sich der Öffentlichkeit zunehmend. Ohne jede Attitüde, sie möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Gut, in ihrem Heimatort Carmel in Kalifornien wird sie ab und an gesichtet, und dann winkt man sich eben freundlich zu. 

Zu ihrem Geburtstag ruft der Lokalsender an, Doris Day hebt immer das Telefon ab und bedankt sich für die Glückwünsche. Aber ansonsten lebt sie ihr Leben im Verborgenen. Soweit man das beurteilen kann: ohne Groll oder Bitterkeit. Sie vermisst das Rampenlicht nicht, vielleicht weil sie nie ein Filmstar sein wollte. Die Karriere ist ihr eben widerfahren, und sie hätte sich wohl sehr gewundert, wenn man ihr 1960 für „Bettgeflüster“ tatsächlich den Oscar verliehen hätte, als sie dafür nominiert war. Sie beschwert sich nie, Jammern findet sie ohnehin „armselig“. Nun ist Doris Day, Ikone einer versunkenen Kino-Epoche, mit 97 Jahren gestorben.

Von Zoran Gojic

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