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Er war Kult: Manfred Krug in der Rolle des Rechtsanwalts in der Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“.

Nachruf

Manfred Krug - Deutschlands Liebling

Berlin - Ob Ost oder West - wie nur ganz wenige Schauspieler ist Manfred Krug der Inbegriff einer ganzen Generation im Osten und eroberte sich auch den Westen. Unser Nachruf auf den Schauspieler, Sänger und Autor.

Manfred Krug als Trucker Franz Meersdonk während der Dreharbeiten zu der beliebten TV-Serie "Auf Achse" im Juli 1988 in Mexiko in seinem Lastwagen.

„Liebling Kreuzberg“? Na klar, da gab’s nur einen: Manfred Krug, Frauenheld mit Glatze und Schlapphut. Paul Stoever? So einen brummeligen „Tatort“-Kriminalhauptkommissar konnte nur er kreieren; eine Rolle, bei der er zur Hochform auflief. Und was ist mit Franz Meersdonk? Unter diesem Namen begab er sich als Fernfahrer „Auf Achse“. Das alles war Manfred Krug, ein toller Typ, der nie zu leugnen versuchte, aus welchem Milieu er stammte. Von menschlicher Klugheit, das Herz auf dem rechten Fleck, ein Arbeiter, ein Stahlwerker, dessen Herkunft sein großes künstlerisches Pfund war, mit dem er zu wuchern verstand.

Wie nur ganz wenige Schauspieler ist Manfred Krug der Inbegriff einer ganzen Generation; nicht derjenigen, die die mittlerweile Kult gewordenen TV-Serien zu seinen großen Fans werden ließen. Sondern gemeint ist die Generation, mit der Manfred Krug zusammen aufgewachsen und groß geworden ist in der ehemaligen DDR, jene Menschen also, die sich in seinen Rollen und in seinen Liedern wiederfanden, denen er Spiegel ihres Seins war. 

Manfred Krug beim Auftritt der „Jazz-Optimisten 1965 in Ost-Berlin. 

Sie identifizierten sich vor allem mit einer Rolle Manfred Krugs: mit dem gescheiten, humorvollen, mit kritischer Vernunft ausgestatteten Bauarbeiter Hannes Balla in dem Frank-Beyer-Film „Spur der Steine“ aus dem Jahr 1966. Und das, obwohl ihn damals nur wenige sehen konnten. Denn Gregor Gysis Vater Klaus, damals DDR-Kulturminister und williger Erfüllungsgehilfe der SED-Ideologie, brandmarkte diesen grandiosen Film als „ein Machwerk in jeder Beziehung“. Er organisierte den parteipolitischen Mob, der die Vorstellungen störte, und setzte „Spur der Steine“ drei Tage nach der Berliner Premiere ab. Manfred Krug aber, bislang zwar schon bekannt und beliebt beim ostdeutschen Kinopublikum durch die Defa-Streifen wie „Mazurka der Liebe“, „Mir nach, Canaillen“, oder „Fünf Patronenhülsen“, wurde zum Idol einer freiheitssehnsüchtigen, widerständigen Bevölkerung. Dazu kam, dass er als profunder Jazz-Sänger in umjubelten, auf Schallplatten festgehaltenen Konzerten wie „Jazz und Lyrik“ auftrat und zudem 1970 als Sportin’ Life in Götz Friedrichs Inszenierung von „Porgy and Bess“ an der Komischen Oper Berlin einen Hauch der freien westlichen Welt vermittelte.

Kurz, Manfred Krug war der Star des Ostens. Jedenfalls so lange, bis 1976 sein Freund Wolf Biermann aus der DDR ausgewiesen wurde. Da bewies der Schauspieler und Sänger mutig Haltung, organisierte in seinem Haus ein Gespräch mit Künstlern und Politbüromitglied Werner Lamberz über die Ausweisung und ihre Folgen und wurde von der DDR-Führung prompt kaltgestellt. Krug jedoch sah zu seinem aufrechten Gang keine Alternative. Er erklärte das dem damaligen Chef der Defa so: „Krieche ich zu Kreuze, bin ich kaputt. Krieche ich nicht, macht ihr mich kaputt.“ Keine Aufträge, keine Angebote, Arbeitslosigkeit für einen der bislang gefragtesten Künstler des Staates. Er stellte einen Ausreiseantrag. 

Charles Brauer und Manfred Krug in dem „Tatort“-Krimi „Der schwarze Skorpion“ (2000). Die beiden nwaren ein Krimi-Gespann, das auch gern sang. 

Im Juni 1977 verließ er mit Frau und Kind Ost-Berlin, um in West-Berlin noch einmal ganz von vorn zu beginnen. In den Neunzigerjahren veröffentlichte Manfred Krug ein sehr lesenswertes Buch, ein Dokument von höchster Brisanz, das unter anderem den heimlichen, so mutigen wie gefährlichen Gesprächs-Mitschnitt jener hochkarätigen Promi-Runde, die sich 1976 in seinem Haus getroffen hatte, wiedergibt. Ein Dokument, das manche Ikone der im Westen gefeierten DDR-Literatur als furchtsame Opportunistin entlarvte.

Es sollte nicht lange dauern, bis seine Karriere nun auch im Westen wieder Fahrt aufnahm. Erneut avancierte Manfred Krug zu einem der populärsten Schauspieler des Landes und zu einem Schriftsteller, der mit seiner Autobiografie „Mein schönes Leben“ und mit den Erzählungen „Schweinegezadder“ in wunderbar klarer Sprache so erhellende wie erheiternde Daseinsgeschichten präsentierte.

Er war Kult: Manfred Krug in der Rolle des Rechtsanwalts in der Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“.

Es ist seine absolute künstlerische Glaubwürdigkeit, die Identität in jeder Rolle mit sich selbst und die Tatsache, dass er nie „schauspielert“, die ihm die großen Erfolge bescherte. Am 8. Februar 1937 als Sohn eines Eisenhütten-Ingenieurs in Duisburg geboren, wuchs er nach der Trennung der Eltern in der DDR auf, wo sein Vater Arbeit gefunden hatte. Auch Manfred Krug absolvierte eine Lehre zum Stahlschmelzer, woran ihn lebenslang die durch einen Spritzer flüssigen Stahls verursachte Narbe erinnern sollte. Doch ihn hielt nichts im Stahl- und Walzwerk Brandenburg fest, er wollte höher hinaus, machte an der Abendschule sein Abitur nach, wurde an der Ost-Berliner Schauspielschule angenommen und wegen Disziplinlosigkeit auch wieder rausgeschmissen, woraufhin ihn die große Helene Weigel als Eleve an Brechts Berliner Ensemble aufnahm. Von nun an ging’s bergauf.

Auszeichnungen im Osten, Preise im Westen, Manfred Krug war ganz oben. Negative Schlagzeilen gab es nur, als er in den Neunzigern für die bald schwächelnde Telekom-Aktie warb. Später entschuldigte Krug sich bei den Aktionären für die Verluste. Eine schwere Herzoperation ließ ihn zuletzt lange pausieren. 2015 aber meldete er sich noch einmal zurück – mit seiner alten Liebe, einem Jazzkonzert im Berliner Admiralspalast. Dennoch, es war still um ihn geworden. Am Freitag vergangener Woche ist Manfred Krug, dieser erste gesamtdeutsche Star, mit 79 Jahren in Berlin gestorben.

Sabine Dultz

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