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Harry Kupfer brauchte für seine grandiosen Inszenierungen keine Flucht ins Ausstattungstheater.

NACHRUF

Zum Tod von Harry Kupfer: Der bewegende Mann

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Seine Arbeiten, so brillant durchdacht sie waren, bildeten den Gegenpol zum Thesentheater: Nachruf auf den Opernregisseur Harry Kupfer.

Berlin/München - Ein hohes Gerüst hat sie erklommen, in einer Mischung aus Panik und übersteigerter Erwartung. Und spätestens als das Schiff mit dem blutroten Segel die Szene enterte, war den Besuchern des Bayreuther Festspielhauses klar: Diese Geschichte vom verfluchten Seemann, von seiner Suche nach einer Frau und Erlösung, von seinem Hereinbrechen in die Welt des braven Schiffers Daland, all das ist nur Einbildung, Vision, Wunsch und Albdruck von Senta, die zweieinviertel Stunden lang pausenlos präsent ist in dieser Aufführung bis zu ihrem finalen Suizid – es ist ein Sprung aus dem Fenster des Vaterhauses.

Eine Theaterfigur imaginiert ihr Schicksal, das war anno 1978 vielleicht nicht der letzte szenische Schrei. Aber keiner hat diese Idee so zwingend und dicht durchgeführt, dabei eine so haarsträubende Spannung entwickelt wie Harry Kupfer im Wagner-Mekka. Dieser „Fliegende Holländer“, ein epochaler Longseller in Bayreuth, katapultierte den Berliner an die Spitze der Opernregie. Dabei war er, Jahrgang 1935, längst eine Größe dank herausragender Arbeiten in Weimar, Dresden und an der damaligen Ostberliner Staatsoper. Am Montag ist er mit 84 Jahren nach langer Krankheit in Berlin gestorben.

Bayreuth war der große Wendepunkt

Bayreuth, erst recht der „Ring des Nibelungen“, den Kupfer dort 1988 herausbrachte, das war der große Wendepunkt in seinem Regieleben. Und dies, noch bevor die politische Wende seine Heimat mit der BRD wiedervereinigte. Vor allem nach dem „Ring“ ätzte mancher, Kupfer lasse doch seine Solisten nur über die Bühne hetzen, knien, kriechen, also alles das tun, was sie an der Ausübung ihrer hehren Tätigkeit hinderte. Was zugleich offenbarte: Kupfer, der Sänger-Beweger und Rollen-Vermenschlicher, sorgte dafür, dass uns das Operngeschehen beunruhigend nahe rückte. In den besten Kupfer-Inszenierungen gab es keine Distanz mehr zwischen Bühne und Publikum. Die da vorne, so erlebte man beunruhigt, erschüttert und auch belustigt, die sind ja wir.

„Wie bringe ich fremde Menschen dazu, eine Aussage auf der Bühne zu treffen und dabei womöglich etwas zu tun, was sie nicht sind und vielleicht gar nicht sein wollen?“ Dies sei für ihn die zentrale Frage seiner Arbeit gewesen, wie Harry Kupfer im Gespräch mit unserer Zeitung sagte. Im November 2016 war das, da befand er sich gerade im Probenstress für Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Bayerischen Staatsoper. In einer Reihe von Münchner Inszenierungen konnte man die Kunst dieses Überzeugungstäters erleben, zum Beispiel in Tschaikowskys „Jungfrau von Orléans“ oder, am eindrücklichsten, in der Uraufführung von Aribert Reimanns „Bernarda Albas Haus“.

21 Jahre lang Chefregisseur der Komischen Oper

An der Komischen Oper Berlin setzte Kupfer das Menschentheater seines Lehrmeisters Walter Felsenstein fort. 21 Jahre lang war er dort Chefregisseur, und oft rangierte das Haus an der Behrenstraße in dieser Zeit vor den beiden anderen, größeren Spielstätten der Hauptstadt. Was Kupfers Abende so einzigartig machten: Der Mann hatte gewiss ein Konzept. Eine scharfsinnige Analyse des Stücks war spürbar und die Konfrontation mit gesellschaftlichen Ist-Zuständen. Das Ergebnis war jedoch nie Thesentheater. Oder, wie es zurzeit en vogue ist, eine Flucht in die Ästhetik und das blinde, neobarocke Vertrauen auf Ausstattung und sonstige szenische Krücken. Kupfers Inszenierungen entwickelten sich von innen nach außen. Erst aus der Haltung seiner Figuren ergab sich eine Haltung zu sozialen und politischen Fragen.

Womöglich war er ein so großer Sängermotivator, weil Kupfer selbst gern diesen Beruf angestrebt hätte. Und weil er viele Jahre mit der Gesangspädagogin Marianna Fischer-Kupfer verheiratet war. Wer sich heute seine Inszenierungen aus der DVD-Konserve gönnt, der stellt erstaunt fest: Selbst ein vierzig Jahre alter Wurf wie der „Fliegende Holländer“ ist noch verstörend aktuell. „Man muss das Publikum an den emotionalen Vorgang auf der Bühne heranziehen und daran beteiligen“, sagte Harry Kupfer. Gerade deshalb waren seine Inszenierungen nie modisch – sondern wahrhaftig.

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