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Eine seiner letzten größeren Münchner Rollen: Kurt Moll im Jahr 2005 als Padre Guardiano in Giuseppe Verdis „La forza del destino“.

Nachruf

Der Ritter des tiefen C: Zum Tod von Kurt Moll

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München/ Köln - Er war die Klang gewordene Redlichkeit und einer der größten Publikumslieblinge: Opernsänger Kurt Moll, einer der wichtigsten, berührendsten Bassisten unserer Zeit, ist im Alter von 78 Jahren gestorben.

Eigentlich hatten sich am 31. Juli 2006 zwei andere Herren von der Bayerischen Staatsoper verabschieden wollen, immerhin die Hausherren. Intendant Sir Peter Jonas und Generalmusikdirektor Zubin Mehta hatten sich das Finale der Opernfestspiele auch zu ihrem eigenen an dieser Spielstätte auserkoren. Doch dann betrat nach sechs Wagner-Stunden mit den „Meistersingern von Nürnberg“ ein anderer die Bühne, um seine Karriere zu beenden. Und obwohl Kurt Moll nur die Mini-Partie des Nachtwächters gesungen hatte, war kein Halten mehr. Das Nationaltheater erbebte, die Menschen sprangen auf, jubelten, viele hatten Tränen in den Augen. Eine nicht enden wollende, ohrenbetäubende Liebeserklärung an einen der größten Sänger unserer Zeit. Und Moll, etwas linkisch, immer wieder nach vorne tretend, badete nicht im Applaus, er nahm ihn bescheiden entgegen.

Vielleicht war dies das größte Geheimnis des Sängers, der – wie erst jetzt bekannt wurde – am Sonntag im Alter von 78 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben ist. Natürlich war da diese Stimme. Konkurrenzlos wohllautend war sie, warm, gehaltvoll, ein dunkles, samtiges, ohrenschmeichelndes Timbre, das immer eine Oktave tiefer zu klingen schien als vom Komponisten eigentlich vorgesehen. Und dann war da noch etwas anderes, Entscheidenderes. Kurt Moll mag kein sich entäußernder, offensiver Darsteller gewesen sein. Er musste ja auch gar nicht viel tun, um Aufmerksamkeit förmlich anzusaugen. Moll war so etwas wie die Klang gewordene Redlichkeit. Nie wurde etwas überzogen, überreizt, nur aufgepfropft (übrigens auch nicht im Gesang) – wenn Moll eine Rolle zum Charakter formte, bekam man das Gefühl des So-und-nicht-anders, eben weil Stimme und Erscheinung eine einzigartige, berührende Symbiose eingingen.

Kurt Moll hat nicht nur viele Rollen geprägt und die Aufführungstradition damit beeinflusst, er hat uns alle verdorben. Gurnemanz in Wagners „Parsifal“, Baron Ochs in Strauss’ „Rosenkavalier“, Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“, König Marke in Wagners „Tristan und Isolde“ – jedes Mal, wenn man diese Partien von den Kollegen erlebt, schwingt im Hinterkopf und im Ohr die Interpretation Kurt Molls mit.

Die Eitelkeiten des Opernbetriebs waren nichts für ihn

Dabei waren nicht nur die reiferen, besonneneren Charaktere seine Domäne. Der Mann, der am 11. April 1938 in Buir bei Köln zur Welt kam, konnte herrlich komisch sein. So hinreißend war das, weil den Zuschauer immer das Gefühl beschlich, dass sich an diesen Abenden ein eigentlich distinguierter, zurückhaltender Herr mal so richtig danebenbenahm. Bei seinem Osmin in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ durfte man das erleben, immer wieder aber im „Rosenkavalier“. Und es gab Regisseure, die das erst recht nutzten und noch mehr aus diesem Sänger herauskitzelten. Unvergessen, wie Moll in Peter Konwitschnys Hamburger Inszenierung beim ersten Auftritt durch das Orchester rumpelte, das hier auf der Bühne saß, mit Musikern redete, sie ärgerte, einem Trompeter das Instrument entriss, um selbst zu tröten – auch das war eben Kurt Moll.

„Star“, diese Bezeichnung passte nicht, obwohl Kurt Moll zu den führenden Bassisten des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts gehörte. Überhaupt hatte man das Gefühl, dass der Rheinländer eher neben dem Opernbetrieb mit seinen ganzen Eitelkeiten und Befindlichkeiten zu stehen schien. Warum eigentlich, so beschied er einmal seinem verdutzten Interviewer, solle er ständig mit weißem Schal herumlaufen – dann werde er doch erst richtig krank.

Das Gespräch fand übrigens eine gute Stunde vor Beginn von Wagners „Parsifal“ statt. Moll hatte eine der längsten Bass-Partien überhaupt vor sich, trotzdem aber nichts gegen ein Treffen einzuwenden. Außerdem, so schlug er lächelnd vor, könne man sich im zweiten Akt wieder treffen, da habe er ja nichts zu singen. Früher habe er an der Bayerischen Staatsoper dann immer Karten gespielt, mittlerweile pflege er auch mal ein Nickerchen.

Alle seine großen Rollen hat er in München gesungen

Schon früh wurde den Intendanten und Agenten die einzigartige Qualität dieser Stimme bewusst. Nach einem Studium in Köln ging Kurt Moll an die dortige Oper, danach nach Mainz und Wuppertal, bis er dank einer Salzburger Festspiel-„Zauberflöte“ dem internationalen Publikum blitzartig bekannt wurde. Alle Häuser rissen sich nun um diesen Sänger, der so klug mit seinen Mitteln umzugehen wusste. Die Bösewichter, die Brüllpartien waren eher nichts für Moll, die entsprachen nicht seinem Naturell. Und manchmal, wie im Falle des sehr hoch gelagerten König Heinrich in Wagners „Lohengrin“, probierte er nur etwas aus – um sich sogleich wieder von der Rolle zu verabschieden. Auch deshalb behielt Molls Stimme bis ins Alter ihren unverbrauchten Klang. Und sie befähigte ihn fürs Lied. Franz Schuberts „Winterreise“ hat er auch für eine CD eingespielt, am besten erzählte Moll aber die Balladen von Carl Loewe.

An der Bayerischen Staatsoper debütierte er 1971, übrigens als Einspringer: Moll übernahm den Pogner in Wagners „Meistersingern“. Fortan wurde er eine Art Ensemblemitglied und zu einem der beliebtesten Sänger überhaupt. Vor allem der damalige Generalmusikdirektor und spätere Operndirektor Wolfgang Sawallisch vertraute auf ihn, begleitete ihn auch regelmäßig am Klavier. Alle seine großen Rollen hat dieser Bassist in München gesungen, der ohne Mühe Tieftöne produzierte, wo sich andere nurmehr heiße Luft abringen. Aus dieser so besonderen Verbundenheit widmet die Bayerische Staatsoper Kurt Moll am 24. März die Vorstellung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

In jenem Stück übrigens hatte sich der Sänger einmal auf seine eigene, typische Weise gegen einen Regie-Einfall August Everdings gewehrt. Als der von seinem Solisten verlangte, er müsse während der Arie eine Leiter hinauf- und hinunterklettern, meinte Moll: „Machen Sie’s mir vor, wie’s geht, und singen dazu.“ Der Einfall wurde gestrichen.

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