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Peter Jonas machte die Türen zur Bayerischen Staatsoper weit auf und bescherte ihr unter anderem die Aktion „Oper für alle“.

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Zum Tod von Peter Jonas: Der Opernmann für alle

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Er erfand die Bayerische Staatsoper neu - auch weil er eher bedingungslos liebender Fan statt hehrer Intendant war. Peter Jonas hat mit 73 Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren.

München - Die Intrige um den römischen Kaiserthron wurde zur späten Genugtuung. Minuten, nachdem Agrippina ihr Söhnchen Nerone an die Spitze durchgeboxt hatte, flanierte er durchs Foyer des Prinzregententheaters. Noch schmaler, graugesichtiger war Sir Peter Jonas geworden, eine Mütze auf dem mutmaßlich kahlen Kopf, die Stimme ein Wispern – die Folgen einer weiteren Krebsbehandlung. Doch die Begeisterung über die Premiere von Händels „Agrippina“ im Juli 2019 flutete seinen Körper mit Energie und Adrenalin. Ein bisschen müsse er nun wieder die Ärzte an seinem Körper herumschnippeln lassen, erzählte er dem verdutzten Gegenüber. Doch für jede Folgevorstellung dieser Neuproduktion habe er sich bereits Karten besorgt.

Ironie, Humor, eine, was sein Leiden betrifft, eigentümliche Form des britischen Understatements: Vielleicht war das die einzige Chance, der Krankheit zu begegnen, die ihn seit seiner Jugend plagte. Den letzten, den größten Kampf hat er nun allerdings verloren: Am Mittwochabend ist Peter Jonas im Alter von 73 Jahren gestorben.

Sein Amt als Intendant der Bayerischen Staatsoper hatte er längst aufgegeben, im Sommer 2006 war das. Doch Jonas ward im Nationaltheater immer wieder gesichtet, gern im Balkon rechts, erste Reihe. Der Mann zog sich nicht als Elder Opern-Statesman in seine Zürcher Wohnung zurück, sondern nahm weiter begeistert Anteil. Auf eine besondere Weise war die Staatsoper sein Haus geblieben, obgleich mittlerweile andere im Intendantensessel saßen. Jonas konnte gönnen – weil er registrierte, wie prächtig sich sein Baby entwickelte.

Urknall mit Händels „Giulio Cesare“

Natürlich gab es an diesem Musentempel immer wieder große Intendanten. Doch womöglich war Peter Jonas einer der wichtigsten. Als er 1993 an die Bayerische Staatsoper kam, war diese in Ehrwürdigkeit erstarrt und definierte sich fast nur über ihre Tradition. Aber dann stand am 21. März 1994 plötzlich dieser riesige Dinosaurier auf der Bühne. Die Premiere von Händels „Giulio Cesare“ schrammte knapp an einem Skandal vorbei, nur wenig später wurde die Sache Kult. Vor allem, weil plötzlich ein auch beturnschuhtes, lässiges Publikum in den Rängen saß und stand und auf eine beklunkerte Gala-Gemeinde stieß. Händel in München, das wurde zum „Must“ auch bei Menschen, die eigentlich ihre Eltern belächelten, wenn diese ihr Abonnement alljährlich verlängerten.

Der Rest ist bekannt und Legende: Händel in schrillen, schrägen, an der Kino-Ästhetik orientierten Verpackungen wurde zum weiteren Münchner Säulenheiligen neben Mozart, Wagner und Strauss. Peter Jonas hat damit die Bayerische Staatsoper neu erfunden. Er öffnete sie, durchlüftete sie, immer mit dieser funkelnden Lust an der Provokation, die ihn so liebenswert machte. Einfach weil man begriff: Dieser Mann handelte als der wildeste Aficionado von allen – er war und blieb Münchens größter Opernextremist. Einmal tanzte er als Fakir in einer Silvester-„Fledermaus“.

In Bayern wurde Jonas zum Deutschen ehrenhalber. Ausgerechnet er, der aus einer jüdischen Familie stammt und dessen Großvater sich vergiftete, als die Gestapo anrückte. Der Vater entkam, sprach aber nie wieder ein Wort Deutsch. „Ich bin stolz auf die deutsche Kultur“, pflegte Peter Jonas zu sagen. Ehrlich war das und auch hintergründig, weil in diesem Satz viel mitschwang.

Über Chicago und London nach München

Nach München kam der gebürtige Londoner über mehrere Stationen. Beim Chicago Symphony Orchestra war er Künstlerischer Betriebsdirektor, später wurde er Intendant der English National Opera. Dort, an Londons zweitem Musentempel, lernte er all die unkonventionellen Regisseure kennen, die er nach München mitbrachte: Richard Jones, David Pountney und David Alden.

Doch es war ja nicht nur schrill, was sich auf der Bühne des Nationaltheaters tat. Peter Jonas vertraute zum Beispiel dem damals nur Experten bekannten Peter Konwitschny den „Parsifal“ an – eine Wagner kritisch hinterfragende, Moden enthobene Inszenierung, die zum Longseller wurde. Und Jonas holte Christof Loy ans Haus für dessen kluge, einzigartige Charakterdurchleuchtungen – und brachte ihn mit Edita Gruberova zusammen. Das Ergebnis: Donizettis „Roberto Devereux“ wurde im Doppelsinne die Inszenierung ihres Lebens.

Auch deshalb ist die Bayerische Staatsoper heute ohne das Wirken von Peter Jonas undenkbar. Nicht zuletzt weil er sich ums Geld kümmerte. Mit seinem Charme wickelte er Münchens High Society um den Finger, die Folge war ein ausgeklügeltes Sponsorensystem. Auf der anderen Seite riss Jonas die Türen des Nationaltheaters weit auf. Plötzlich waren Open-Air-Konzerte möglich und Übertragungen auf den Max-Joseph-Platz: „Oper für alle“ war seine Erfindung, andere Häuser kopierten die Aktion.

Dabei konnte Jonas sein Baby heftig verteidigen. Es gibt einige, die Opfer seiner wütenden, lautstarken Tiraden wurden, wenn ihm beispielsweise eine Kritik missfiel. Doch der Dampf musste raus und war die Emotion eines bedingungslos Liebenden. Tage später gab es wieder Schulterklopfen. Intrige und Falschheit, Machtmittel anderer Intendanten, das war nicht der Stil von Peter Jonas.

Im Unruhestand durchquerte er wandernd Europa

Überhaupt Stil: Pressekonferenzen wurden bei ihm zum Sit-in im Intendantenbüro, wo auch auf Sofalehnen oder auf dem Boden Platz genommen wurde. Das waren keine Verlautbarungsstunden eines hehren Direktors, hier waren die Fans unter sich. So richtig Fahrt nahm seine Ära auf, als 1998 Zubin Mehta als Generalmusikdirektor kam. Die beiden harmonierten trotz ihrer Verschiedenheit, auch weil sie einen ähnlichen Humor hatten. Mehta, eher der barocke Typ, verstand dabei nie, warum Jonas so dünn sein musste – und brachte regelmäßig Hochkalorisches mit in die Chefetage.

Nach seinem Abschied, für den eine Festspiel-Vorstellung der „Meistersinger“ den gebührenden Rahmen bot, verwirklichte Peter Jonas seinen anderen Traum. Er durchquerte Europa. Mit dem Rucksack startete er im schottischen Inverness und wanderte in vielen Etappen und mit Unterbrechungen bis nach Palermo – um zu beteuern, dass er nur einmal gedopt hatte: als er zwischen Reggio Calabria und Messina die Fähre nutzte. Sizilien nahm ihn gefangen, immer wieder kehrte Jonas dorthin zurück.

Auch als es neue Krankheitsschübe gab – dieser Mann wollte gegen den Krebs anwandern. „Das ist eine Form der Befreiung“, nannte er es im Interview. „Ich muss fit bleiben. Das ändert die ganze Lebenseinstellung.“ Außerdem erwartete er sich als Brite Antworten, Erkenntnisse über all das, was weit über die Oper hinausreicht: „Ich wollte nicht einfach raus aus Deutschland, sondern hinein in das Land, das Europa heißt.“ Am Ende, als er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigte, hielt er sporadischen, launischen E-Mail-Kontakt. Schon wieder, so schrieb Peter Jonas einmal, liege er im Klinikum rechts der Isar. „Es ist das letzte Stadium, aber ein bisschen wie der dritte ,Meistersinger‘-Akt. Weil ich Unkraut bin... Cheers to you!“

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