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Nachruf: Burgtheater-Schauspieler

Gert Voss: "Kostbares Juwel" gestorben

Wien/München - Er spielte Shakespeare, Goethe und Molière, war am Residenztheater in München engagiert und schließlich am Wiener Burgtheater: Mit 72 Jahren ist Gert Voss nun in Wien gestorben.

Was war los in München, dass man ihn vor 42 Jahren einfach ziehen ließ? Da hatte das Residenztheater für die Saison 1971/72 diesen jungen Schauspieler aus Braunschweig engagiert, aber gespielt hat er nur in einem einzige Stück, dem „Menschenfreund“ von Christopher Hampton. Hat damals am Max-Joseph-Platz denn niemand erkannt, dass hier ein junger Künstler auf den Brettern stand, der auf dem Weg war, einer der größten deutschen Schauspieler zu werden? Sein Weg also führte an München vorbei, wohin er nie wieder kam, – über Stuttgart, Bochum ans Wiener Burgtheater, das ab 1986 seine Heimat wurde.

Gert Voss, der sich in die Herzen der Zuschauer nachhaltig eingebrannt hat, der Shakespeares Richard und Othello, Tschechows Iwanow und Trigorin zu alternativloser schauspielerischer Offenbarung werden ließ, ist am vergangenen Sonntag nach kurzer schwerer Krankheit in Wien gestorben. Die Theaterwelt hält den Atem an. Sie hat soeben ihr kostbarstes Juwel verloren.

Viel zu früh, denn Gert Voss war erst 72 Jahre alt. Aber er hat sie alle gespielt – die wunderbaren Rollen von Shakespeare, Tschechow, Goethe, Schiller und Kleist, von Ibsen und Strindberg, von Thomas Bernhard, George Tabori und Peter Handke und zuletzt, 2013, vom alten Molière, dessen Orgon Gert Voss im „Tartuffe“ war. Ein erfülltes künstlerisches Leben, gewiss. Doch das Füllhorn seiner unvergleichlichen schauspielerischen Lebenskunst und Lebenslust war längst nicht ausgeschöpft. Groß war noch die Neugier auf neue Stücke, neue Rollen, neue Regisseure und groß auch, bei aller Bescheidenheit, das Selbstbewusstsein dieses Wahrheitssuchers und Seelenforschers. Zum Glück der Zuschauer unternahm er immer mal wieder Abstecher.

Wer in den Jahren 1995 bis 1998 seinen Salzburger Jedermann erlebt hat, wird sicher sein, vorher nie einen besseren gesehen zu haben. Und wer ihn, ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, 1992 in „Julius Cäsar“ als Marc Anton genießen durfte, sah, wie gegenwärtig, wie menschlich und teuflisch zugleich diese Shakespeare-Figur bei Gert Voss war. Nie waren die Rollen, die er spielte, nur gut oder nur böse. Er stattete sie stets mit dem Reichtum, mit der Widersprüchlichkeit, auch der Widerspenstigkeit und mit der Erotik seiner eigenen Persönlichkeit aus. Das machte ihn zu einem so faszinierenden Schauspieler. Da konnte man schon verstehen, dass die superkeusche Isabella 2011 in der Salzburger Festspiel-Inszenierung von „Maß für Maß“ am Ende allen Widerstand gegenüber dem abgründigen Herzog des Gert Voss aufgeben musste.

Er war in seiner Kunst ein ganz und gar freier Schauspieler. In seiner 2011 erschienenen Autobiografie schrieb er: „Obwohl ich mir selbst viel Stoff zum Spielen suche, brauche ich jemanden, der das beobachtet und prüft. Ich probiere viel aus, und irgendwann kommt der Zeitpunkt, das Beste aus den Angeboten auszuwählen. Oder mich zu verführen zu ganz unbekannten Herausforderungen.“ Diese Verführer wurden seine wichtigsten Regisseure: Peter Zadek, George Tabori, Luc Bondy. Und Claus Peymann, mit dem er seit Stuttgart verbunden war. Mit ihm als Regisseur spielte er 2011 im Wiener Akademietheater und am Berliner Ensemble Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“, einen genialen und von Voss ebenso genial zelebrierten Monolog eines alten Schauspielers. Wenn er sich hier die Krone Richards III., mit dem er seinerzeit in Wien seinen triumphalen Erfolg hatte, auf den Schädel drückte, dann war das die wehmütige Ironie und die komische Tragödie eines ganzen wunderbaren und absurden Schauspielerlebens.

Gert Voss, der am 10. Oktober 1941 in Shanghai geboren wurde, ist in der Theaterwelt nicht zu ersetzen. Sein Tod macht deutlich: Solche wie ihn wird es in Zukunft kaum mehr geben, jedenfalls nicht, wenn weiterhin Stadttheater geschlossen werden, wenn sich Ensembles auflösen, wenn junge Schauspielabsolventen des Geldes wegen und eines vermeintlichen Ruhms sich im Fernsehen verplempern. Die Provinz war nie Provinz, solange sie solche Künstler wie Gert Voss hervorbrachte.

Sabine Dultz

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