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Christia Wolf

Nachruf auf Christa Wolf: Die Deutsche

München - Sie wurde verehrt und verdammt: Deutschland trauert um die exzellente Schriftstellerin und ungewöhnliche Symbolfigur Christa Wolf.

„Stadt der Engel“ – das war der letzte große Roman, den Christa Wolf sich und uns im Sommer 2010 schenkte. Ein Erzähl-Drahtseilakt zwischen Authentizität und Erfundenem, den die Künstlerin schwebeleicht vollführte. Auch wenn der Körper schon seit langem von Krankheit und Schmerz geplagt wurde. Und so erlaubte sich die Glaubens-Skeptikerin, die doch himmelstürmenden Utopien treu blieb, die Engel nicht nur im Namen des Buch-Schauplatzes Los Angeles flattern zu lassen. Die Engel bedeuteten ihr mehr: Man kann nur wünschen, dass die Autorin genau in dieser so weisen wie kindlich vertrauenden Haltung verstorben ist. Ihr Tod trat gestern ein; sie wurde 82 Jahre alt. Eine lange Krankheit hatte sie gequält. Im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus war ihr Mann Gerhard Wolf an ihrer Seite, als sie verschied.

Christa Wolf, Mädchenname Ihlenfeld, wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe (heute Polen) geboren. Bei Kriegsende floh die Familie gen Westen und ließ sich in Mecklenburg nieder. In Mecklenburg-Vorpommern lebte die Schriftstellerin auch jetzt noch – neben ihrem Berlin. In „Nuancen in Grün“ (2002) erwies sie sich als in vollen Zügen Genießende – Landschaft, Pflanzen und Wetterstimmungen – und als Gartlerin. Diese Sinnlichkeit, dieses Erd-verhaftet-Sein war ein bedeutender, oft übersehener Teil der Persönlichkeit Christa Wolf. Sie wurde zu oft als Intellektuelle, politische Denkerin, Feministin, Kult-Figur auf dem Moralpodest und später als Buh-Frau (Stasi-Mitarbeit) abgestempelt. Das alles stimmt und stimmt nicht. Wird weder dem Menschen gerecht, noch dem Schaffen. Das musste in der DDR natürlich politisch werden, weil die Autorin genau hinsah, präzise analysierte und all das in bewegende Bilder fassen konnte.

Das machte Christa Wolf nach und nach zur Symbolfigur Deutschlands: in Teilung und Wiedervereinigung, die sie, als kapitalistische Übernahme, gar nicht gern sah. Schon die Geschichte „Der geteilte Himmel“ (1963) legte die Wunde des Zerrissen-seins bloß. Obwohl die Künstlerin in jenem Jahr noch den Nationalpreis der DDR bekam, schwärte hier wohl schon die Enttäuschung der überzeugten Sozialistin. Sie kämpfte zwar bis zuletzt dagegen an und suchte fast verzweifelt nach einer positiven Evolution des Systems. Berühmt wurde ihre Rede vom 4. November 1989, „Sprache der Wende“. Erst da trat sie aus der SED aus, der sie seit 1949 angehört hatte.

Die Nazi-Verbrechen hatten Christa Wolf, die Germanistik studierte und dann Lektorin war, tief geprägt („Kindheitsmuster“, 1976). Deswegen rückte sie immer wieder die Außenseiter, Versehrten einer übermächtigen Struktur in den Mittelpunkt. Ob das in der Gegenwart der Tod einer Frau war („Nachdenken über Christa T.“, 1968), ob im 19. Jahrhundert Kleist und Günderode („Kein Ort. Nirgends“, 1979) oder in der Antike „Kassandra“ (1983) und Medea („Medea. Stimmen“, 1996). Immer verkörpern sich Analyse und Anschaulichkeit, Menschlichkeit und Unbestechlichkeit in einer kraftvoll modellierten, nie verkünstelten Sprache. Auch wenn der Schmerz das große Thema des Œuvres ist, so geht doch nie dieser ruhig schwingende, sehr geerdete Wolf’sche Humor verloren. Er und die spezifische Sprachbeherrschung geben dem Leser Halt, um Schweres und Verzwicktes aufnehmen zu können. Die Sprache war auch Christa Wolfs eigener Halt. Gegen die DDR-Herrscher und später, als ihre IM-Akte bekannt wurde und eine Art mediale Hetzjagd losbrach.

Mit „Akteneinsicht Christa Wolf“ ging sie selbst in die Offensive und formulierte: „Den Prozess, den ich gegen mich eröffnet habe, muss ich ohne Beistand führen.“ Noch in „Stadt der Engel oder The Overcoat of Mr. Freud“, dem letzten Buch, seziert sie ihr Verhalten, stochert in der Wunde, sucht nach dem Grund ihrer Stasi-Verdrängung. In diesem Deutschland-Buch, durchflutet vom sonnigen Flair von Santa Monica, zieht die Dichterin einen Bogen von der einen zur anderen deutschen Diktatur, von Tätern zu Opfern, von der Komödie zur Tragödie, von der Skurrilität bis zur Depression. Nun erweist sich der Roman als wunderbares Abschiedsgeschenk an uns. Darin ist für jeden etwas – von Liebesgeschichten über Reisebericht bis zur Autobiografie – enthalten, ohne dass ein Mischmasch entstanden wäre. Und am Ende kümmert sich der freche Engel Angelina um die Dichterin aus Deutschland...

Von Simone Dattenberger

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