+
Glenn Frey gründete 1971 zusammen mit Don Henley die Eagles. 

Nachruf

Glenn Frey: Der Klang der Westküste

Trauer um den Eagles-Gitarristen Glenn Frey, der mit Hits wie „Take it Easy“ und "Hotel California" berühmt wurde: Der 67-Jährige ist in New York gestorben. Ein Nachruf.

In der Komödie „The Big Lebowski“ gibt es diese grandiose Szene, in der Protagonist Lebowski den Taxi-Fahrer bittet das Eagles-Gedudel im Radio abzustellen. Lebowski wähnt sich auf der sicheren Seite, der Taxifahrer ist schwarz. Allerdings entpuppt er sich überraschend als rabiater Eagles-Fan, der Lebowski kurzerhand aus dem Wagen wirft. Die Szene ist deswegen schön, weil so viel Wahrheit in ihr steckt. Zum Beispiel über unsere Vorstellung, anhand der Herkunft oder Hautfarbe einen Musikgeschmack zuordnen zu können. Vor allem aber über das Phänomen Eagles.

Diese Band wurde entweder rückhaltlos geliebt oder eben rundweg abgelehnt. Dazwischen war nicht viel. Überflüssig zu erwähnen, dass Feuilletonisten nie so recht warm geworden sind mit dem geschmeidigen „Westcoast-Sound“, für den Glenn Frey als Kopf der Eagles verantwortlich zeichnete. Ebenso selbstverständlich interessierte sich Frey einen Dreck für die Meinung von Kritikern – oder von irgendjemandem sonst. Die Musik der Eagles war federleicht und manchmal fast süßlich, Frey aber, der war ein harter Hund ohne Hang zur Sentimentalität. Er führte die Band mit fester Hand zu weltweitem Ruhm und zum großen Geld.

Er war nicht der beste Sänger in der Band und eigentlich auch nicht der beste Musiker – aber er war der Boss. „Er war derjenige mit dem Plan“, formulierte das Eagles-Komplize Don Henley nach der Nachricht von Freys Tod. Und fügte noch an: „Wir waren Familie, und wie bei den meisten Familien gab es einige Störungen.“ Fein umschrieben für eine turbulente Beziehung zwischen zwei Sturköpfen, die für einige der erfolgreichsten Platten in der Geschichte der Popmusik verantwortlich waren. Und die Anfang der Siebziger ein eigenes Genre erfunden hatten, besagten Westcoast-Sound, diese verführerisch süffige Melange aus Folk-Elementen, Pop und Countryrock. Ein Zufallsprodukt – die Schöpfer des angeblich typisch kalifornischen Klangs waren von außerhalb.

Glenn Frey kam 1948 in Detroit zur Welt, ein raues Pflaster, freilich mit sehr lebendiger Musikszene. Frey mischte bald mit, manchmal am Piano, meistens an der Gitarre. Ihn faszinierte der Folk-Rock, der wegen der Byrds gerade allgegenwärtig war. Der Detroiter Rock-Matador Bob Seger förderte den jungen Frey. Der folgte Ende der Sechzigerjahre seiner damaligen Freundin nach Los Angeles. Dort traf er den knorrigen Texaner Don Henley, der mit Country infiziert war. Sie schlossen sich zu den Eagles zusammen und hatten sofort unglaublichen Erfolg.

Ihr erster Hit 1972 wurde eine Art Leitmotiv für ihre Musik: „Take it Easy“. Eine ganze Generation verfiel den ätherischen Kompositionen, die nach Strand rochen, nach Freiheit und Lässigkeit. In Wahrheit war bei den Eagles gar nichts entspannt. Weil Frey nie entspannt war. Er werkelte unermüdlich an der Karriere, man nahm ständig Platten auf und tourte rastlos wie ein getriebener Desperado. Schnell griff der Größenwahn um sich. Eigenes Flugzeug, Drogenexzesse, Partys, die mitunter zu Orgien ausuferten. Mittendrin Frey, der ein neues Hobby hatte: Bandmitglieder feuern. Henley blieb verschont, der war als Texter und Sänger nicht zu ersetzen.

1976 gelang das Monster-Album „Hotel California“. Das alleine hat sich seitdem über 40 Millionen Mal verkauft. Mit dem gleichnamigen Eagles-Hit hat Frey ironischerweise nicht viel zu tun, der magische Gitarrenriff stammte von Don Felder. Den entfernte Frey später auch aus der Band, die zunehmend lustloser klang. 1980 löste man sich auf, für Glenn Frey gefühlt eine Befreiung. Er wollte sowieso lieber Schauspieler werden und trat in Nebenrollen auf. In „Miami Vice“ – solche Sachen. 1984 hatte er mit „The Heat is on“ noch einen echten Hit, danach lief es nicht mehr gut für den Künstler. Nicht als Musiker und als Schauspieler schon gar nicht.

Also vertrug er sich wieder mit Henley und tourte mit den Eagles als Comeback- Sensation. Am Ende hatte Frey seinen Frieden gemacht – mit den Eagles und mit sich selber. Aus dem eiskalten Macher war ein freundlicher Familienvater geworden. Mit nur 67 Jahren ist er nun nach Komplikationen bei einer Operation verstorben. „Er hatte ein enzyklopädisches Wissen über Popmusik und eine Arbeitsmoral, die niemals aufgab. Er war lustig, dickköpfig, sprunghaft, zutiefst talentiert“, textete ihm Eagle-Kompagnon Henley jetzt nach dem Tod hinterher. Eine späte, rührende Liebeserklärung.

Zoran Gojic

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare