"Die kleine Raupe Nimmersatt": US-Autor Eric Carle gestorben
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Der Vater der „Raupe Nimmersatt“: Eric Carle (1929-2021).

Eric Carle, der Vater der „Raupe Nimmersatt“, ist im Alter von 91 Jahren gestorben

In die Welt hinaus

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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„Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist eines der weltweit berühmtesten Kinderbücher. Erdacht hat es Eric Carle im Jahr 1969. Jetzt ist der Autor und Illustrator im Alter von 91 Jahren gestorben. Unser Nachruf.

  • „Die kleine Raupe Nimmersatt“ zählt zu den erfolgreichsten Kinderbüchern der Welt.
  • Eric Carle, der das Buch geschrieben und illustriert hat, ist jetzt mit 91 Jahren gestorben.
  • Aufgewachsen ist der US-Amerikaner ab 1935 in Deutschland.

Manchmal genügen 244 Wörter, um sich für immer in die Literaturgeschichte einzuschreiben. 244 Wörter zur Unsterblichkeit – Eric Carle hat sie notiert. Dass er in der englischen Originalausgabe nicht mehr Text benötigt hat für seinen Welterfolg „Die kleine Raupe Nimmersatt“, bezeugt nebenbei auch eindrucksvoll, wie wirkmächtig Sprache und unsere Fantasie sein können.

Im Original kommt „Die kleine Raupe Nimmersatt“ mit 244 Wörtern aus

„Einspruch!“, werden vor allem junge Leserinnen und Leser an dieser Stelle laut schreien. Stimmt natürlich, sie haben Recht mit ihrem Protest! Denn wir alle wissen, dass es nicht um die Zahl 244 geht. In Carles Buch, das 1969 zum ersten Mal erschien, seitdem in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 50 Millionen Mal verkauft wurde, sind ganz andere Ziffern wichtig. Nämlich 1 Apfel, 2 Birnen, 3 Pflaumen, 4 Erdbeeren, 5 Orangen, 1 Stück Schokoladenkuchen, 1 Eiswaffel, 1 saure Gurke, 1 Scheibe Käse, 1 Stück Wurst, 1 Lolli, 1 Stück Früchtebrot, 1 Würstchen, 1 Törtchen und 1 Stück Melone. Das sind die Zahlen, aus denen Literaturgeschichte geschaffen wurde – denn das sind die Mengen, die von der „kleinen Raupe Nimmersatt“ verdrückt werden. Sie hat, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr gesunden Hunger und einen – Pardon – Saumagen.

Der Künstler Paul Klee war ein Vorbild für Eric Carle

Damit schafft man es freilich, zum berühmtesten Kinderbuch der Welt zu werden. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Eric Carle, der neben diesem noch mehr als 70 weitere Publikationen für den Lesenachwuchs geschaffen hat, bereits am Sonntag mit 91 Jahren in seinem Studio im US-Bundesstaat Massachusetts gestorben.

Der Autor und Illustrator hat seine Geschichten mit Bildern in leuchtenden Farben kombiniert. Gemalt hat er diese auf Seidenpapier, was die Strahlkraft verstärkte, und zu Collagen arrangiert. Kein Wunder, dass der Künstler den Maler Paul Klee (1879-1940) als Vorbild nannte. „Die farbenfrohen Illustrationen sind eine Art Gegenmittel zu den Graus und Brauns meiner Kindheit in Deutschland“, hatte Carle vor seinem 90. Geburtstag im Juni 2019 in einem Interview erklärt.

Geboren wurde Eric Carle 1929 im US-Bundesstaat New York

Tatsächlich ist seine Lebensgeschichte eng mit den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts verquickt – und in der Tragik der ersten Jahre beinahe unfassbar: Geboren wurde Carle 1929 in Syracuse im US-Bundesstaat New York – seine Eltern Johanna und Erich waren aus Deutschland in die USA ausgewandert. Doch das Heimweh der beiden war so groß, dass es sie zurückzog: 1935 nach Nazi-Deutschland. Jahrzehnte später erinnerte sich Eric Carle an die Zeit als Sechsjähriger in Stuttgart: „Dieser Schulbeginn ist mir unvergesslich – ein kleines Klassenzimmer mit schmalen Fenstern, ein harter Bleistift, ein kleines Blatt Papier und die strenge Ermahnung, keine Fehler zu machen. Es war so ein Kontrast zu Miss Frickey“ – das war seine Grundschullehrerin in den USA –, „die ich liebte und in deren lichtdurchflutetem Klassenzimmer ich mit leuchtenden Farben malte“. Die Schläge seines Lehrers in Stuttgart mit dünnem, hartem Bambusstock vergaß er bis ins hohe Alter nicht. „Ich habe schmerzhafte Erinnerungen daran, in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges aufzuwachsen.“ Es kam noch schlimmer: Mit dem Überfall auf Polen musste der Vater zur Wehrmacht; er geriet in sowjetische Gefangenschaft und kehrte erst 1947 zur Familie zurück. Sein Sohn wurde 1944 als Hitlerjunge zwangsweise an den sogenannten Westwall abkommandiert. Nach der Befreiung studierte der junge Mann zunächst an der Akademie der bildenden Künste in Württembergs Hauptstadt, bevor er 1952 in die USA zurückging: Wie bei seinen Eltern 17 Jahre zuvor, war auch bei Eric Carle Heimweh der Grund für diesen Schritt. Mit 40 Dollar in der Tasche und seiner Mappe mit Zeichenproben soll er damals in New York angekommen sein. Er arbeitete zunächst in der Werbung und als Grafiker für die „New York Times“. Recht spät, 1967, gestaltete er ein erstes Kinderbuch, „Brauner Bär, wen siehst denn Du?“, und machte sich als Autor und Illustrator selbstständig.

Eric Carle stellte die unscheinbaren Geschöpfe ins Zentrum

Meister Petz war im Übrigen eines der wirklich großen Tiere, denen sich Carle in seinem Schaffen gewidmet hat. Ins Zentrum rückte er mit Vorliebe die unscheinbaren Wesen, die oft Erstaunliches vollbringen: etwa die „kleine Maus“, die einen Freund sucht, „Der kleine Käfer Immerfrech“, „Das kleine Glühwürmchen“ oder die „kleine Spinne“, die spinnt und schweigt. Nicht zu vergessen die Raupe Nimmersatt.

Deren Botschaft gilt indes für junge wie alte Leser: Egal, was sich uns in den Weg stellt – wenn wir uns durch die Hindernisse gearbeitet haben, erhebt sich am Ende ein farbenprächtiger Schmetterling. Und der fliegt hinaus in die Welt.

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