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Er verkörperte die Swing-Musik wie kein anderer: Hugo Strasser (1922–2016).

Zum Tod des Swing-Musikers

Der letzte seiner Art: München trauert um Hugo Strasser

München -Trauer um eine Münchner Legende: Der Jazz- und Swing-Musiker Hugo Strasser ist am Donnerstag im Alter von 93 Jahren gestorben. Der Schwabinger wurde für sein Klarinetten-Spiel geliebt.

Vergangenen Sommer noch hat er am Sarg seines lebenslangen Komplizen Max Greger „Yesterday“ gespielt auf seiner Klarinette. Mit diesem dunklen, leicht schwermütigen Ton, den Hugo Strasser unverkennbar machte. Den Lebensmut hatte sich Strasser durch den Tod so vieler Weggefährten in den vergangenen Jahren nicht nehmen lassen. Bis zuletzt wollte er auftreten und spielen – und war trotz dieses leicht klagenden Klangs seiner Klarinette eine unerschütterliche Frohnatur.

„Swing ist ein Lebensgefühl“, hat Hugo Strasser gerne gesagt – und es genau so gemeint. Denn Instrumente könne man lernen, aber den Swing, den müsse man einfach haben. Hugo Strasser war Swing.

Dass der immer gut gelaunte Schwabinger zur Musik findet, verdankt er seinem Vater. Der ist begeistert von Musik und will einem seiner sechs Kinder eine Ausbildung zum Künstler ermöglichen. Also schleppt er 1937 den damals 15-jährigen Hugo zur Münchner Hochschule für Tonkunst. Strasser spielt bis dahin Mundharmonika, aber an der Hochschule erklärt man ihm: Seine Anatomie sei wie geschaffen für Klarinette.

Ein Glücksfall in vielerlei Hinsicht. Zwar muss Strasser das Studium nach dem achten Semester abbrechen – es ist Krieg. Aber er muss nicht an die Front, sondern wird abgestellt zum Musizieren, dringend benötigt in den Offizierskasinos. „So wie die Friseure und Köche“, erinnert sich Strasser.

Fortan spielt er „Tanzmusik“. Jazz und Swing, die seine eigentlichen Leidenschaften sind, stimmt man damals besser nicht an, aus Eigenschutz. Die Reichsmusikkammer kontrolliert sogar die Notenblätter, um „entartete Musik“ aufzuspüren. Aber Jazzplatten aus dem besetzten Paris – damals Welthauptstadt des Jazz – lässt Strasser sich schon kommen. Er dient im nahegelegenen Ruhrgebiet.

Nach dem Krieg erweist sich die musikalische Ausbildung einmal mehr buchstäblich als lebensrettend: Die vielen US-Soldaten in München wollen Spaß haben, dazu gehört Musik. Jeder, der ein Instrument beherrscht und ein wenig Ahnung von Jazz hat, kann sich sein Auskommen sichern und gehört zu einer Elite. Hitler hatte eine ganze Generation auf den Schlachtfeldern geopfert, junge Musiker mit Ehrgeiz und Können sind rar.

Nicht zuletzt bietet die Musik Männern wie Strasser eine einzigartige Gelegenheit: eine neue Identität. Nachdem die Nazis alles, was mit Nation und Deutschsein zu tun hat, komplett diskreditiert haben, ist Jazzmusik ein Weg, sich ein neues Selbstbild aufzubauen. Jazzer sind modern, unverdächtig, die Helden sind meist schwarze Künstler. Umso befremdlicher für Strasser, als er bemerkt, dass die US-amerikanischen Befreier bei der Überwindung des Rassismus den euphorischen jungen deutschen Swing-Musikern hinterherhinken. Schwarze und weiße Soldaten feiern in strikt getrennten Clubs. Wenn Strasser später von diesen Zeiten erzählt, klingt immer durch, dass ihm die Arbeit in den schwarzen Clubs mehr Spaß macht. Vielleicht weil viele weiße GIs aus der Provinz oft nichts mit Jazz und Swing anfangen können. Bezahlt wird anfangs oft mit Zigaretten und Whiskey; der abstinente Strasser tauscht das gewinnbringend gegen das Notwendige zum Leben ein. Bald spielt er in der Bigband von Max Greger und immer wieder im Bayerischen Rundfunk, der mit „München nach Mitternacht“ eine der meistgehörten Jazz-Sendungen Europas ausstrahlt. Für ein Engagement gibt es 220 Mark – in der Zeit der Währungsreform ein kleines Vermögen. Der monatliche Durchschnittslohn eines Arbeiters beträgt 1948 gerade mal 117 Mark.

Strasser wird oft gebucht. In Clubs, beim Radio und in den Fünfzigerjahren für die Ballsaison in Münchens Deutschem Theater. Er gründet sein eigenes Orchester, spielt während des Faschings 50 bis 60 Ballnächte und beginnt, seine Tanzmusik-Platten zu veröffentlichen. Das geht über drei Jahrzehnte. Im Lauf der Zeit setzt er sechs Millionen Tonträger um. Er ist nicht der größte Virtuose, aber Strasser hat ein Gespür dafür, was die Menschen hören wollen. Und eben diesen unverwechselbaren Klang. „Es gibt Klarinettisten, die spielen mich in Grund und Boden. Aber ich habe diesen erkennbaren Ton, das war immer mein Markenzeichen“, sagte er selbst.

Gleichzeitig ist sich Strasser nicht zu schade, Schlager zu komponieren. „Das Edelweiß vom Wendelstein“ hat nichts mit Swing zu tun, zahlt aber das Haus ab.

Doch in den späten Achtzigerjahren trudelt die Karriere scheinbar aus. Tanzmusik und Swing interessieren niemand mehr. Bis Kumpane Greger im Jahr 2006 zu seinem 80. Geburtstag noch einmal durchs Land touren will – natürlich mit dem alten Freund Strasser.

Die Konzertreihe wird ein Triumph – und schnell zur jährlichen Institution. Strasser, obwohl der Älteste auf der Bühne, hat den Part des lebhaften Schelms. Bis zuletzt. Am meisten Freude bereitet es dem König der deutschen Tanzmusik, damit zu kokettieren, gar nicht tanzem zu können: „Ich hatte nie die Gelegenheit, es zu lernen.“

Nun ist Hugo Strasser mit 93 Jahren in München gestorben, als Letzter einer Generation von Swingmusikern, die die Bundesrepublik nach dem Krieg mit ihrer Musik zu einem lockereren, entspannteren Land gemacht haben. Das klingt nach wenig, aber es ist eine große Leistung.

Zoran Gojic

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