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Starb im Alter von 83 Jahren: Film- und Theatermacher Mike Nichols.

Nachruf auf Mike Nichols

Nur die Geschichte zählt

München - Der in Berlin geborene und in die USA emigrierte Film- und Theatermacher Mike Nichols ist mit 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf. 

„Wer glaubt, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt, der kennt noch nicht viele Menschen“. Dieses Bonmot von Mike Nichols umreißt recht gut sein besonderes Talent und seinen Blick auf die Welt. Dieser Regisseur konnte aus jeder Geschichte, aus jeder Figur das Schlechteste herausarbeiten – egal, wie gut es versteckt war.

Schon 1966 setzte er das mit seinem Filmdebüt „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ sagenhaft um: Die Geschichte eines gutbürgerlichen Paares, das sich bis aufs Äußerste quält, beleidigt und demütigt, lässt das Blut in den Adern gefrieren, weil sie drastisch ist, aber eben auch glaubhaft. Nichols’ besonderes Talent war neben der präzisen Psychologie seiner Inszenierung von Anfang an die Schauspielerführung. 17 Darsteller haben unter seiner Regie einen Oscar gewonnen, das kommt nicht von ungefähr. Richard Burton und Elizabeth Taylor in „Virginia Woolf“ sind dafür ein gutes Beispiel: zwei hochbegabte Könner, natürlich. Aber so intensiv, so pulsierend hatte man Burton und vor allem Taylor bis dato nicht erlebt. Beider Ego zu zähmen und die destruktive Energie, die beide gemeinsam verbreiten konnten, in kreative Bahnen zu lenken, das war Nichols’ Verdienst.

Im Jahr 2004 hat Nichols mit „Hautnah“ eine Variation der Geschichte gedreht und die ist noch erschreckender, denn hier gibt es nicht wie bei „Virginia Woolf“ die Andeutung von Hoffnung. Stattdessen: der kalte Blick in rabenschwarze Abgründe. Keine Liebe, nirgends, nicht ein Hauch von Menschlichkeit.

Womöglich liegt der Grund für Nichols’ düsteres Weltbild in seiner frühen Jugend: 1931 kommt er als Michael Igor Peschkowsky in Berlin zur Welt. Die jüdischen Eltern emigrieren 1938 aus berechtigter Angst um ihr Leben in die USA. Als Kind, das in seiner Heimat Deutschland Ablehnung und Hass erfahren hatte, landet er in der Fremde. Dort ist er zunächst wieder Außenseiter, doch das immerhin in Chicago, damals neben New York kulturelles Zentrum des Landes. Für einen kreativen Burschen zu jener Zeit so ziemlich der beste Platz zum Leben, sieht man von Randerscheinungen wie dem mafiösen Bandenwesen ab.

Nichols studiert nach dem Schulabschluss Psychologie, tritt aber gleichzeitig mit einer eigenen Theatertruppe auf, die sich auf humorvolle Stücke spezialisiert hat. Das Ensemble ist so erfolgreich, dass es in New York am Broadway auftreten darf. Nichols bleibt als Autor und Regisseur gleich dort – und hat bald Erfolg. Er macht Theater für die Massen, seine Spezialität werden Komödien mit bittersüßem Unterton. Wenn man sich Nichols’ Filme genau anschaut, merkt man schnell, dass er im Grunde immer Theatermann geblieben ist. Natürlich konnte er mit Bildern umgehen, ordnete aber immer den optischen Effekt der Geschichte unter. Das erklärt, weshalb es ihm im neuen Jahrtausend kaum noch möglich war, in Hollywood Projekte zu verwirklichen und er ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

Jetzt, da er im Alter von 83 Jahren gestorben ist, werden sich viele die Augen reiben, wenn sie realisieren, was für ein vielschichtiges, imposantes Gesamtwerk der Mann hinterlassen hat. Angefangen von Liebeskomödien mit Widerhaken wie „Die Reifeprüfung“ (1967) über so verzweifelte wie fatalistische Kriegsgrotesken wie „Catch 22“ (1970) bis hin zu bewegenden, klugen Politdramen („Mit aller Macht“, 1998) und rücksichtslosen Gesellschaftssatiren („Grüße aus Hollywood“, 1990). Womöglich ist auch vielen, die über „The Birdcage“ (1995) gelacht haben oder bei „Silkwood“ (1983) schockiert waren, nicht bewusst, dass diese Filme er inszeniert hat. Die Bandbreite seines Schaffens ist phänomenal, und es lohnt, Mike Nichols’ Arbeiten neu zu entdecken. Er hätte es verdient.

Zoran Gojic

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