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Unbestechlich, uneitel und immer freundlich: Pete Seeger (1919-2014).

Nachruf auf Pete Seeger

Der Überzeugungstäter

Los Angeles - Ein sagenumwobener Musiker und eine moralische Institution: Pete Seeger ist im Alter von 94 Jahren gestorben.

Als an einem kalten Januartag 2009 Barack Obama 44. Präsident der USA wurde, haben sich viele Zuschauer gefragt, wer der alte Zausel neben Bruce Springsteen ist, der bei der Amtseinführung „This Land Is Your Land“ sang. Nun, der Herr im Holzfällerhemd, mit gestrickter Zipfelmütze und angeschrammeltem Banjo war Pete Seeger, eine Musiker-Legende. Vermutlich hat es selbst in den USA viele überrascht, dass er noch lebte. Für Seeger ging damals ein Traum in Erfüllung, als er für den ersten schwarzen Präsidenten seiner Heimat spielte. Dafür hatte er sein ganzes, sehr langes Leben unermüdlich gekämpft.

Dazu muss man wissen: Seeger war nicht nur sagenumwobener Musiker, er war eine moralische Institution. Vor seiner Standfestigkeit, seinem unerschütterlichen Festhalten an Überzeugungen hatten zu guter Letzt auch all jene Respekt, denen der linke Revoluzzer und furchtlose Bürgerrechtler über Jahrzehnte furchtbar auf die Nerven gegangen war. Denn er hatte ja Recht behalten und sich zudem weitaus mehr um sein Vaterland verdient gemacht, als all die selbst ernannten Patrioten, die Seeger in den Fünfzigerjahren „unamerikanische Umtriebe“ vorgeworfen hatten. Seeger hat, anders kann man das gar nicht sagen, das kulturelle Erbe der USA geprägt. In Nachschlagewerken steht für gewöhnlich, er habe in den Vierziger- und Fünfzigerjahren dafür gesorgt, dass die US-Folkmusik bewahrt wurde. In Wahrheit hat er, gemeinsam mit Woody Guthrie und Leadbelly, diese Musik überhaupt erst erfunden. Ohne Seeger wäre Folk immer Folklore und akustische Begleitung von Gemeinde-Abenden geblieben. Er hat Bob Dylan und allen anderen den Weg bereitet.

Politische und gesellschaftliche Missstände wurden zwar auch vor Seeger musikalisch verarbeitet, aber jene Lieder zirkulierten immer nur in den Milieus, in denen sie entstanden waren. Erst Seeger packte die Botschaften in eingängige Melodien, machte Popmusik daraus – im Wortsinne. Die Texte sollten populär sein, damit sie Gehör finden. Bemerkenswert an Seeger war, dass er nie abhob – trotz seiner Bedeutung für die Musikszene. Er investierte das Geld, das in den Sechzigerjahren reichlich floss, als seine Kompositionen wie „Sag mir, wo die Blumen sind“ oder „Turn, Turn, Turn“ zu globalen Hits wurden, in die politische Arbeit. Vor allem der Umweltschutz war ihm ein Anliegen.

Unbestechlich, uneitel und – für einen notorischen Weltverbesserer eher unüblich – immer freundlich, förderte er junge Musiker und freute sich ehrlich über deren Erfolg. Natürlich war da 1965 dieser Ausraster, als Seeger angeblich nach einer Axt suchte, um das erste elektrifizierte Konzert von Bob Dylan gewaltsam zu beenden. Aber sowohl Seeger als auch Dylan haben das längst nicht als so dramatisch empfunden, wie es im Nachhinein erscheinen mag. Es waren bewegte Zeiten – und Seeger kam aus einer anderen Tradition: Aus einer Familie von Musikern stammend, kannte er nur akustische Livemusik. Auch bei seinen Bands The Almanac Singers und The Weavers hatte er es so gehalten. Ganz hat Seeger seine Vorbehalte gegen die „triviale elektrische Popmusik“ nie aufgegeben, aber schnell verstanden, dass man auch sie nutzen konnte, um für die Sache zu kämpfen. Darum ging es ihm immer, um die Sache.

Seine Reputation rührte auch daher, dass er den Versuchungen des Geldes und des Ruhms nie erlegen ist. Als ihn in den frostigen Fünfzigern die Radiostationen aus ihren Programmen verbannten und die Konzertveranstalter keine rechte Lust hatten, sich an Seeger die Finger zu verbrennen, tingelte er, ein Star, auf eigene Faust durch Kneipen, Turnhallen und über Kirchenfeste auf dem Land. Aufgeben kam nicht in Frage.

Über 100 Platten hat Seeger aufgenommen, war bis zuletzt aktiv – und seine Ausdauer ist mindestens so bewundernswert wie sein musikalisches Opus. Seine Musik erlebte zuletzt eine Renaissance. Seeger hat das selbstredend gefreut, aber es war ihm nicht genug. „Man muss auch mal etwas tun. Lieder alleine reichen nicht“, erklärte er energisch.

Damals, 2009 in Washington, hatte Seeger übrigens geschafft, was wohl selbst „Boss“ Springsteen alleine nicht gelungen wäre: Er brachte eine halbe Millionen Menschen dazu, im Chor zu singen. „Was sollte mich vom Singen abhalten?“, lautet der treffende Titel einer Biografie über ihn. Nun weiß man: nur der Tod. Leider. Am 27. Januar ist Pete Seeger, die Stimme des aufrechten Amerika, im Alter von 94 Jahren in seiner Geburtsstadt New York gestorben. Hier trifft die gern benutzte Phrase zu: Der Mann ist nicht zu ersetzen.

von Zoran Gojic

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