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Achim Bergmann in der Giesinger Trikont-Zentrale.

Trikont-Chef Achim Bergmann mit 74 Jahren gestorben

Achim Bergmann - ein Schatzsucher und Herzensbayer

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    Michael Schleicher
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Einst emigrierte er als Sauerländer nach München und entdeckte hier bayerisches Revoluzzertum, dem er bei seiner Plattenfirma Trikont eine Heimat gab. Jetzt ist Achim Bergmann im Alter von 74 Jahren gestorben. Unser Nachruf.

München – Es war eine unmögliche Liebe. Eigentlich. Achim Bergmann, Jahrgang 1943, emigrierte als Sauerländer nach München und gründete im Jahr 1967 den linken Buchverlag Trikont. Seine Bestseller in jenen Jahren: die Mao-Bibel und die „Bolivianischen Tagebücher“ Che Guevaras.

Bergmann war damals schon Spezialist in Sachen internationales Revoluzzertum, doch dann passierte Magisches: Bergmann, dieser kraftvolle Streiter, entdeckte, wie viel Anarchie im Bayern steckt – trotz aller Bodenständigkeit. Er entdeckte das bayerische Revoluzzertum. Gleich einem Musikarchäologen hob und veröffentlichte er Aufnahmen des renitenten Gaißachers Kraudn Sepp, dessen Musik viel zu lange nicht mehr zu haben war. Hans Söllner gehört seit Jahrzehnten zu den Aushängeschildern der Plattenfirma, die Bergmann zusammen mit seiner Ehefrau Eva Mair-Holmes von einem Giesinger Hinterhof aus führte.

Lebens- und Arbeitsgefährten: Bergmann und seine Frau Eva Mair-Holmes.

Bei einem Besuch in eben diesem Hinterhof erzählte er vor einigen Jahren, wie er einst ein Bayern fern aller bierdimpfeligen Klischees entdeckte. „Als ich zum ersten Mal Ludwig Thomas ,Erster Klasse‘ hörte, dachte ich: Was ist das denn für eine schöne, selbstbewusste Sprache!“, sagte Bergmann. „In Amerika ist die Wertschätzung für die eigene Tradition jenseits aller Provinzromantik ganz normal, hier gab es sie lange nicht.“ Bergmann hat bayerische Volksmusik im besten Sinn ermöglicht, Heimatmusik ohne Humtata – er hat LaBrassBanda groß gemacht, die Zugpferde von Trikont heißen heute Kofelgschroa und kommen aus Oberammergau. Daneben blieb die Liebe zu allem, was spannend, gut, vor allem aber weit, weit weg von aller Massentauglichkeit ist. Denn das ist bewährtes Trikont-Rezept: Die Erfolgreichen finanzieren die Abseitigen.

Bei aller Leidenschaft für seine (Wahl-)Heimat, bei aller Liebe zur und dem Wissen um Musik ist Bergmann immer auch politischer Mensch gewesen und geblieben. Einer, der für seine Meinung einsteht und den Mund aufmacht, wenn er es für richtig hält. Auf Frankfurts Buchmesse im vergangenen Oktober war mal wieder so ein Moment, da konnte er einfach nicht ruhig bleiben: Als ein Redner am Stand der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ über die Achtundsechziger herzog, rief der Trikont-Chef laut „Scheiße redest Du!“ Ein Zuschauer schlug ihm daraufhin die Faust ins Gesicht.

Sein Erbe sind die „Stimmen Bayerns“

Das unsterbliche Erbe, das dieser Mann nun hinterlässt, ist die CD-Reihe „Stimmen Bayerns“, für die bairische Lieder, Texte und Geschichten aus den Archiven gefischt und unter Oberbegriffen veröffentlicht wurden. „Der Rausch“. „Die Liebe“. „Der Irrsinn“.

„Den Tod“ haben sie schon vor Jahren herausgebracht. Bergmann, ehemaliger Ministrant, sagte damals: „Es gibt etwas typisch Bayerisches im Umgang mit dem Tod. Früher bei uns in Westfalen war der Tod grässlich. In Bayern dagegen nimmt man ihn nicht nur hin. Da hat man ganz andere Werkzeuge.“ Man weigert sich schlicht zu sterben, wie der Brandner Kaspar. Oder man spielt den Tod auf einzigartig bayerische Weise herunter. Wie Gerhard Polt als Restaurantbesitzer, der die tödliche Wirkung seiner Gulaschsuppe relativiert. Bergmann konnte den legendären Polt-Satz auswendig. Er geht so: „Ois wolln s’ heut haben: einen Daimler Benz, einen Geschirrspülautomaten, ein Abitur. Bloß sterben, des wolln s’ ned!“

„Wir werden uns an einen kraftvollen, wilden, verrückten und warmherzigen Menschen erinnern“

Am Donnerstag hat der Boandl nun bei Achim Bergmann angeklopft und den 74-Jährigen mitgenommen. Einen Tag später würdigte Ehefrau Eva ihren Lebens- und Arbeitsgefährten, den Schatzsucher und Herzensbayern, den Trikont-Chef und berühmten Obergiesinger: „Manchmal scheint die Welt stillzustehen und nichts ist mehr, wie es einmal war. Man sucht Trost und findet ihn nicht – nicht jetzt, nicht heute. Aber die Welt wird sich wieder drehen, und wir werden uns an einen kraftvollen, wilden, verrückten und warmherzigen Menschen erinnern.“ So soll’s sein.

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