Christian Thielemann

Die Nachtkritik zur „Holländer“-Premiere

Bayreuth - Das Spiel ist ganz anders ausgegangen. Während alle Welt noch die Nachwirkungen der Tattoo-Affäre diskutierte, während viel Aufmerksamkeit auf das Hügel-Debüt von Regisseur Jan Philipp Gloger verwendet wurde, siegte einer, von dem in den vergangenen Tagen überhaupt nicht die Rede war:

Christian Thielemann. Sein Dirigat ist das eigentliche Ereignis dieser Premiere. Und eine Art Quadratur des Kreises. Die wilde Sturm-und-Drang-Atmosphäre des Stücks, die entrückte, in Musik gemalte Utopie der Liebesszenen, die markerschütternde Macht der großen Chorszenen: alles da. Eine extremistische Deutung, fest entschlosen, jede Facette der Partitur zu bekeuchten. Jan Philipp Glogers Regie ist dagegen ein Problemfall. Ein musikalischer Regisseur, gewiss. Auch ein bescheidener Bildfinder, einer, der ins Werk hineinhört und sich nicht in die Brust wirft.

Bayreuther Festspiele: Viel Prominenz auf dem grünen Hügel

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Die stärksten Momente: die Szenen zwischen Erik und Senta, als schmerzlich klar wird, wie dieser Mann um eine längst verlorene Liebe kämpft. Doch im steingrau-kühlen Ambiente bleibt alles zu kleinformatig. Warum Senta mit dem Holländer aus ihrer Welt ausbrechen will, welche fremde, dämonische Macht da einbricht,das wird kaum gezeigt. Gloger siedelt das Stück in einer Firma an die Ventilatoren herstellt („Summ und brumm, du gutes Rädchen“). Und als den Anzugträgern klar wird, dass sie am Ende ein neues Liebespaar verherrlichen, wird das Programm umgestellt und deren Mini-Statue produziert – eine zu simple, fast banale Lösung. Einspringer Samuel Youn imponiert in der Titelrolle mit stechend-kraftvollem Bariton. Die größte Ovation galt Adrienne Pieczonka für eine ungewöhnlich lyrische Senta – eine Sopranistin, die dank Thielemann auch nie zum Forcieren gezwungen wurde. Bei Gloger und seinem Team überwogen phonstarke Buhs.

Ausführliche Kritik folgt morgen.

Markus Thiel

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