Nachtmusik ohne Musik

Dagmar Leupolds "Blauer Engel, grünes Land": - Gute Literatur spricht nicht nur zum Leser, sondern auch über ihn, sucht das Allgemeine im Besonderen. "Alles an mir ist für dich wohl symptomatisch für die Malaise der Welt?", wirft die frisch vom verheirateten Geliebten verlassene Archäologin Sophia denn auch ihrer Reisebegleitung Johannes vor und deutet damit schon an, dass die Münchner Autorin Dagmar Leupold in ihrem neuen Roman "Grüner Engel, blaues Land" manchmal ein wenig zuviel des Guten tut.

Dieser Johannes, den Sophia eigentlich kaum kennt, nimmt sie mit nach Belgien, in ein Gebiet, aus dem einmal der erste Esperanto-Staat der Welt werden sollte.

Vor den Ruinen der Utopie

Dort will er, der nach einem Kindheitstrauma aufgehört hat zu sprechen, für ein Buch recherchieren; sie will dem Alltag entfliehen, der sie immer und überall an ihren Verflossenen erinnert.

Diese intime Situation, natürlich wird eine Liebesgeschichte daraus, entfaltet Leupold vor den Ruinen einer gesellschaftlichen Utopie. Ihre Sprachbilder zerredet sie dabei schon im Moment des Entstehens. Jede Sinnlichkeit, die sie schafft, verpufft in der anschließenden Analyse. "Ein überaus sanftes Kitzeln, bei dem man auf der Stelle jede Fassung verlor, ein Schlaflied, eine Nachtmusik ohne Musik. Streng rationiert das Angebot: So blieb die Nachfrage gewaltig", erzählt Sophia einmal von den Liebkosungen ihrer Großmutter.

In Formulierungen wie dieser, aber auch in der Gegenüberstellung mit anderen Reisenden, dem russischen Mädchen Annika etwa oder einem lebenslustigen deutschen Pärchen, wird die Stagnation zweier Menschen greifbar, die vor lauter Reflexion nicht mehr zum Erleben kommen. Die eine neue Unmittelbarkeit erlernen müssen, ohne die eine synthetisch erzeugte Weltsprache zugrunde ging und die bürokratisch herbeigezwungene Einheit Europas in Gefahr sein mag.

Leupold, die das "Studio für Literatur und Theater" an der Universität Tübingen leitet, konstruiert perfekt, charakterisiert sauber, passt ihren Stil sinnfällig der Thematik an - und zahlt für all das einen hohen Preis: Um Johannes‘ und Sophias Verkopfung augenscheinlich zu machen, muss sie verkopft schreiben. Am Ende lässt sie einen Schuss fallen, der Befreiung verheißt wie ein platzender Knoten.

Dagmar Leupold: "Grüner Engel, blaues Land". Verlag C.H. Beck, München, 204 Seiten; 17,90 Euro.

Die Autorin liest heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus. Karten unter 089/ 29 19 34 27.

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