+
Mel Ramos mit seiner „Dita“ aus poliertem Aluminium in den Räumen der Galerie Terminus. Wer will, dass sich die Schöne im überdimensionalen Cocktailglas bei ihm zuhause räkelt: „Dita“ kostet 350 000 Euro.

Nackte Tatsachen und Champagner

München - Die Münchner Galerie Terminus zeigt Pop Art von Mel Ramos, der sich neben seinen Frauen sichtlich wohl fühlt.

Nackte Frauen. Überall. Sie räkeln sich auf überdimensionalen Bonbonpackungen, steigen aus Biergläsern oder reiten auf Zigarren. Vor den Bildern und Skulpturen bleiben Männer im Anzug und Frauen mit Perlenohrringen stehen, werfen einen Blick auf die Arbeiten und nippen an ihrem Champagner. Kellner in schwarzen Uniformen reichen Häppchen mit Lachs und Kalbskopf. Mittendrin: Ein älterer Herr in zerknittertem Leinenanzug mit Schnauzbart und wirrem Haar. Seinetwegen sind sie alle gekommen.

Es ist ein erlesener Kreis, der sich am Montagabend in der Galerie Terminus in München versammelt hat. Galerist Wilhelm J. Grusdat hat einen Abend vor der Vernissage zum Empfang geladen. Gezeigt werden Arbeiten des Amerikaners Mel Ramos, einem der letzten lebenden Pop-Art-Künstler. Das Besondere: Er, Mel Ramos, ist auch hier.

Zusammen mit seiner Frau Leta steht er in der Galerie und beantwortet geduldig die Fragen der Besucher. Ab und zu wirft er einen Blick auf die Nackten, die er seit nunmehr fünfzig Jahren malt. „Ich liebe einfach schöne Frauen. So wie sie“, sagt Ramos und legt eine Hand auf Letas Schulter. „Das ist die Liebe meines Lebens. Wir sind seit 57 Jahren verheiratet, sie war mein erstes Modell.“ Seine Frau, einen Kopf kleiner, blickt zu Ramos hoch und lächelt. Ihre Mutter habe ihr den Rat gegeben, für den Künstler zu posieren. „Wenn du es nicht machst, macht es eine andere, hat sie gesagt.“ Leta lacht.

Tatsächlich gibt es, versteckt im Untergeschoss der Galerie, eine Zeichnung, auf der Leta zu sehen ist: Splitterfasernackt steht sie da, eine junge Frau in Pantoletten, das Haar hochgesteckt. So also sah die Dame mit den runzligen Händen und den schmalen Schultern vor 45 Jahren aus.

Aktzeichnungen wie die von seiner Frau beweisen, dass Mel Ramos auch anders kann. Nicht nur knallbunt, sondern auch zurückhaltend, in gedeckten Tönen. Das zeigt auch seine Serie „Unfinished Painting“: Klassische Aktbilder, bei denen Ramos einzelne Partien – das Gesicht der Porträtierten, eine Palme im Hintergrund – detailliert und in Farbe ausgearbeitet hat und andere, wie den Körper oder ein Kissen, mit schnellen Pinselstrichen in Schwarz-Weiß skizziert hat. Das Spiel mit den Kontrasten verleiht diesen Bildern eine innere Spannung. In anderen Serien wie „The Drawing Lesson“ oder „The Artists Studio“ setzt sich der studierte Kunsthistoriker Ramos mit Ikonen der Malerei auseinander und konfrontiert eigene Akte mit Zeichnungen und Gemälden von Künstlern wie Matisse oder Picasso.

Arbeiten wie diese sind bei Weitem interessanter als die, für die Ramos berühmt ist: Gemüsekonserven, Ketchupflaschen oder Zigarettenschachteln, an die sich eine Nackte schmiegt, mit wehendem Haar und verführerischem Blick. Für diese Art von Bildern und Skulpturen ist Ramos vor allem von Feministinnen kritisiert worden. Der 72-Jährige zuckt mit den Schultern. Seine Bilder seien als Satire gemeint: „Im Fernsehen und der Werbung sind überall nackte Frauen zu sehen. Sex sells – so funktioniert das doch.“

Auf den ersten Blick erinnern diese knalligen Arbeiten an Werke von Pop-Art-Künstlern wie Andy Warhol. Ramos’ Arbeitsweise ist jedoch eine gänzlich andere: Während Warhol vieles von seinen Assistenten produzieren ließ und seine Siebdrucke in hohen Auflagen anfertigte, ist bei Ramos alles Handarbeit. Am schwierigsten, sagt der Künstler, seien Kleinigkeiten. Für die Aufschriften auf den Produkten brauche er länger als für die Frauen. „Manchmal sitze ich an so einer kleinen Schrift vier Tage. Die muss perfekt aussehen, sonst wirkt das ganze Bild stümperhaft“, erklärt Ramos. Seit über zehn Jahren benutzt er auch den Computer als Hilfsmittel: Er scannt Fotos von Schachteln oder Konserven, von Frauenkörpern und -gesichtern ein und erstellt daraus digitale Collagen, die er dann als Vorlage für seine Arbeiten verwendet. Schauspielerin Uma Thurman, die von einer Bonbonschachtel lächelt, hat dem Künstler also nie persönlich Modell gestanden. Es ist nicht einmal ihr Körper, der auf der Lithographie zu sehen ist. „Die ganzen schönen Frauen hier stammen alle aus Zeitschriften. Modell gestanden haben die mir nie“, sagt Ramos.

Für Galerist Grusdat ist es die akribische Arbeitsweise, die Ramos Bilder so besonders macht – und so wertvoll. Die Originale, die in der Galerie gezeigt werden, kosten zwischen 30 000 und 380 000 Euro. Trotzdem hat Grusdat schon 80 Prozent der Arbeiten verkauft. Denn er ist sich sicher – und das sagt er auch seinen Kunden –, dass die Preise in den nächsten Jahren weiter steigen werden. Künstler wie Andy Warhol hätten insgesamt viel mehr produziert oder produzieren lassen als Mel Ramos. Trotzdem würden Warhols Arbeiten für bis zu 100 Millionen Dollar versteigert. „Dagegen sind Ramos’ Bilder echte Schnäppchen“, meint der Galerist und fügt hinzu: „In all den Jahren habe ich noch nie danebengelegen.“

Katharina MutzBis 29. September,

Promenadeplatz 1,

Katalog: 25 Euro;

Telefon: 089/ 29 61 87.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauburg-Intendantin stellt sich den Bürgern
Die künftige Intendantin des Theaters der Jugend in der Schauburg, Andrea Gronemeyer, verspricht einen engen Austausch mit den Bürgern.
Schauburg-Intendantin stellt sich den Bürgern
Weltklassegeigerin Julia Fischer eröffnet Musikfest Kreuth
Kreuth - Zum zweiten Mal in Folge müssen die Veranstalter des Internationalen Musikfestes Kreuth auf andere Spielstätten ausweichen. GmiundDafür treten etwa in der …
Weltklassegeigerin Julia Fischer eröffnet Musikfest Kreuth
Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
München - Das Londoner Indie-Pop-Trio „The xx“ gastierte am Freitag im Münchner Zenith. Die Konzertkritik:
Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
München - Ein Restaurant auf dem Dach, ein attraktiverer Eingangsbereich, eine Philharmonie, die ertüchtigt wird: So stellt sich Max Wagner den neuen Gasteig vor. Am …
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?

Kommentare