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Die nackten Beatles

- Es war der Versuch eines Neubeginns und endete im Desaster. Mit dem Projekt "Get Back" wollten die Beatles im Januar 1969 ihre wachsenden persönlichen und künstlerischen Differenzen überwinden, indem sie ohne technischen Schnickschnack Rock 'n' Roll und Blues spielten. Das Ergebnis sollte als Gegenentwurf zu den letzten artifiziellen Studio-Produkten live auf Platte gepresst werden.

<P>Aber die Beatles hatten keine rechte Lust. Die Sessions arteten in Kleinkriege aus, schnell wurde allen bewusst, dass ihr Konzept gescheitert war. Und zum ersten Mal kapitulierten die Beatles - sie stellten einfach die Arbeit ein. Über ein Jahr blieb das eingespielte Material liegen. John Lennon wollte es "in diesem beschissenen Zustand" veröffentlichen, um klar zu machen, dass die Band am Ende war, aber letztlich siegte die Angst um den eigenen Mythos.</P><P>Hinter dem Rücken der anderen engagierte Lennon Soundtüftler Phil Spector, der das streckenweise furchtbare, gelangweilte Geschrammel mit bombastischen Arrangements zukleisterte. So erschien das Material unter dem Titel "Let it be" im Mai 1970 als letztes reguläres Album der Beatles. 33 Jahre später wurde nun mit "Let it be . . . naked" das Ergebnis der unglückseligen Sessions ohne die Klangsoße von Spector veröffentlicht.</P><P>Faltblatt vom Kirchenfest</P><P>Allerdings ist auch diese Platte weit davon entfernt, der ursprünglichen Idee gerecht zu werden: Die Lieder sind nicht in der live eingespielten Version zu hören, sondern wurden offenkundig aus mehreren Fassungen zusammengestöpselt. Freilich hat das für den Fan seinen Reiz, denn man bekommt eine Ahnung davon, wie sich die Beatles bei schwungvollen Nummern wie "One after 909" oder "I've got a feeling" auch in ihrer Endphase in eine mitreißende Rockband verwandeln konnten.</P><P>Bei der wundervollen Folk-Ballade "Two of us" spürt man, dass sich Lennon und Paul McCartney trotz ihrer Fehde immer noch kongenial ergänzten. Hörenswert sind die Unterschiede bei den beiden "Let it be"-Fassungen, aber vor allem im Falle von "The long and winding road". Gerade hier hatte McCartney die überzuckerte Orchesterbegleitung von Phil Spector beklagt. "Ich fand es einfach geschmacklos." In der "nackten" Fassung berührt der resignative, intime Abgesang, durch die der wohl schönste Text, den McCartney je geschrieben hat, seine Wirkung voll entfalten kann. "Don't leave me standing here" - aber Lennon wollte kein Beatle mehr sein und zusammen mit McCartney singen.</P><P>Was Lennon stattdessen wollte, kann man dem Buch "John Lennon - Die Legende" von James Henke entnehmen. Fundiert zeichnet Henke den Lebensweg von John Lennon nach, der es vom Halbstarken aus Liverpool zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts brachte. Sattelfesten Beatles-Fans enthüllt das Buch keine Geheimnisse, aber es ist bemerkenswert durch die beigelegten Faksimiles. Mit viel Aufwand wurden Dokumente aus der Geschichte der Beatles nachgebildet.<BR>So kann man etwa das Faltblatt in Händen halten, in dem für das Kirchenfest geworben wurde, auf dem sich Lennon und McCartney 1957 das erste Mal trafen. Oder liest die handgeschriebenen Liedtexte zu Klassikern wie "Imagine". Das ideale Weihnachtsgeschenk für den Beatles-Verehrer, der schon alles von den Fab Four hat.</P><P>The Beatles: "Let it be . . . naked" (EMI);<BR>James Henke: "John Lennon - Die Legende". Goldmann Verlag, München. 65 Seiten, 49,90 Euro (mit CD).<BR></P>

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