Ein Nadelstich ins Herz

- Tatort Waldbühne, Berlin. Picknickkörbe, aus denen Baguettes und Weinflaschen ragen, das Orchester animiert zu "La Ola", sommerliche Aufgekratztheit im steilen Rund. Und Minuten später hatte er 20 000 Zuhörer baff gespielt. Mit dem Tastenreißer und Solistenkiller schlechthin, Tschaikowskys erstem Klavierkonzert, das Lang Lang in den Grunewald donnerte, brauste und zärtelte, als habe man's gerade erstmals vernommen.

<P>"Tschaikowsky eins" gehört irgendwie zum heftig be- und umworbenen Pianisten. 1999 sprang er damit beim Chicago Symphony Orchestra ein, spielte das Opus unter Daniel Barenboims Leitung für eine CD ein und stahl damit eben in jenem Berliner Juni 2004 Simon Rattle und seinem Orchester die Schau. Auch fürs Debüt bei Münchens Philharmonikern sattelt Lang Lang das Schlachtross, Zubin Mehta dirigiert (31. Januar und 1. Februar).</P><P>"Es ist das perfekte Debüt-Stück für mich und meine Fähigkeiten", sagt der 22-Jährige. "Nicht dass ich es überall spielen will, aber Zubin fragte mich vor zwei Jahren, ob ich es nicht auch in München tun möchte." Vor allem mit Romantischem à la Tschaikowsky und Chopin wird Lang Lang derzeit herumgereicht, obwohl er kürzlich bei der Salzburger Mozartwoche "natürlich" den ortsüblichen Komponisten im Gepäck hatte. Darf's denn nicht ein wenig mehr Wiener Klassik oder Barock sein? "Ich bin ja noch nicht wirklich alt", meint der exzellent Englisch parlierende Chinese lachend. "Das kommt schon noch. Man kann auch nicht alles ins Programm nehmen, was einem gefällt - das ist vielleicht das größte Problem beim Karrierestart."</P><P>Schon mit drei Jahren versuchte sich Lang Lang erstmals als Tastenbändiger - gefördert von seinem Vater, einem nicht nur in China gefeierten Virtuosen des Streichinstruments Erhu. Und mit 15 dann der Sprung nach Philadelphia, ans Curtis Institute, "der besten Schule der Welt", wie Lang Lang schwärmt. "Ich hatte einen wunderbaren Lehrer. Es war einfach für mich die beste Wahl, auch wenn ich meine Heimat verlassen musste."</P><P>Donnernde Technik und extravagantes Auftreten</P><P>Die sah er dann, nun bereits als Aufsehen erregendes Talent, später wieder: Mit dem Philadelphia Orchestra unter Leitung von Wolfgang Sawallisch gastierte Lang Lang vor vier Jahren in der Großen Halle des Volkes zu Peking vor 8000 Zuhörern. "Das war eine unglaubliche Ehre, aber auch ein merkwürdiges Gefühl. Diese Halle gilt ja als eine Art Heiligtum, das hat jeder Chinese verinnerlicht, auch wenn sich die politische Lage inzwischen etwas geändert hat. Und dann dort spielen? Das war wie ein Nadelstich ins Herz."</P><P><BR>Innerhalb kürzester Zeit hat sich Lang Lang als feste Größe im Musikzirkus etabliert. Die stolze Zahl von 100 Auftritten hat er sich pro Jahr aufgebürdet, was er, erschrocken darauf angesprochen, gleich wieder relativiert: "Mir macht das nichts aus. Eigentlich sind es ja nur 80 offizielle Konzerte, der Rest gilt meinen Benefizaktionen für Unicef."</P><P>Dem gebeutelten Klassikmarkt kommt der Wundersolist Lang Lang, der so perfekt donnernde Technik und nie sülzende Empfindsamkeit verbinden kann, gerade recht. Auch wenn schon missgelaunte Medien wie der "Spiegel" über Lang Langs extravagantes Auftreten, seine angeblichen Podiumsinszenierungen mosern.</P><P>Als eine Art Popstar wird er vermarktet inklusive Designer-Mode und eigener Homepage. Und auf der äußert Lang Lang unter anderem: "Die meisten jungen Leute haben, wenn sie mit dem Klavier beginnen, nicht genug Selbstvertrauen. Sie sind talentiert, merken es aber nicht." Wie's wohl um ihn selbst bestellt war? "Ich hatte schon immer Selbstvertrauen", meint Lang Lang. "Ich liebte das Klavier von Anfang an, ich lerne auch ziemlich schnell. Und ich habe die Momente auf der Bühne stets genossen. Andere lesen ein Buch oder schauen sich einen Film an, ich spiele eben Klavier."<BR></P>

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