Der nächste Star im Klassikdorf - Jonas Kaufmanns erster Münchner Arien-Abend

München - "Ich weiß, dass es ziemlich riskant war, was ich gemacht habe", gesteht er heute. "Der größte Schritt war zu akzeptieren, dass ich eine Auszeit brauchte." Doch bevor die Zwangspause des überreizten Rolando Villazón so richtig wirksam werden konnte und Veranstalter samt CD-Industrie noch mehr ins Grübeln und in die Miesen geraten, wird gerade der nächste Star durchs Klassikdorf getrieben.

Ein Neuling, der gar keiner ist: Eine einzige Münchner Interviewstrecke, verbunden mit dementsprechend gesteuertem Medien-Echo inklusive CD, sorgte dafür, dass der Marktwert von Tenor Jonas Kaufmann ins Stratosphärische stieg und frustrierte Fans am Sonntag vor dem Herkulessaal vergeblich mit "Suche Karte"-Zetteln ausharrten.

Dabei ist der 39-Jährige, ein gebürtiger Münchner, ja schon lange da. Vor allem in Zürich, aber auch in London, New York oder Paris. Opernfreunde haben diesen Ausnahmekünstler vor Jahren registriert, Kaufmanns Karriere musste also à la Anna Netrebko oder Martin Stadtfeld nicht erst inszeniert werden. Was fehlte, war die letzte Stufe zum Spitzenfeld - und der große Auftritt in der Heimat, folglich das wunderbar vermarktbare Image des endlich heimgekehrten Sohnes.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die als Supernova gehandelt werden, sich aber als flott verglühende Sternchen entpuppen, rechtfertigt Jonas Kaufmann zu einem Gutteil den Hype. Seine Stimme, kein Timbre von der Stange, ist wahrlich einzigartig und hat sofortigen Wiedererkennungswert: dunkel, gedeckt, viril, mit faszinierender, nie stechender Strahlkraft und, ob Verdi, Puccini oder Wagner, in mehreren Fächer einsetzbar. Anderen, die ebenfalls mit 1a-Material wuchern, hat Jonas Kaufmanns Entscheidendes voraus: eine telegene Erscheinung, die weiblichen (natürlich auch einigen männlichen) Fans eine satte Portion Augenfutter bietet.

Wie schon seine problematische CD schmeckte Kaufmanns Arien-Programm im Herkulessaal nach Pizza mit allem. Etwas Verdi, Puccini, Bizet, auch Wagner - und Mozarts Tamino, der verzichtbar gewesen wäre. Hätte man als Besetzungsbüro einen Komponisten frei, man würde Kaufmann sofort für den kompletten Puccini einkaufen. Rodolfos "Eiskaltes Händchen" und Cavaradossis "Leuchtende Sterne" wurden mit kraftvollem, sehr direktem und daher glaubhaftem Charme gestaltet, dem man prompt verfiel.

Dass Jonas Kaufmann neugierig ist auf die gesamte Tenor-Literatur, ehrt ihn schon. Nur müsste er dann auch stilistische Unterschiede hörbar machen. Doch der Münchner verfällt gern in eine Einheitsdramatik, die zwar imponiert, aber alle Stücke so klingen lässt, als stammten sie aus Mascagnis "Cavalleria rusticana": veristisch hochgepegelt und mit robustem Gestus. Vielleicht auch deshalb, weil Jonas Kaufmanns Stimme erst ab einer bestimmten Dezibelschwelle gut funktioniert. Da hat er allerdings dann Reserven, die ihm nach zwölf (!) Arien noch ein langes C am Ende des "La donna e mobile" gestatten.

Schwierig wird's in duftigen, lyrischen Passagen, wo sich - wie bei Bizets Rosenarie - ein Schleier vor den Klang schiebt und die Stimme so tönt, als klappe die Zunge in den Rachen: Jonas Kaufmann steht (noch) kein tragendes, offenes, glanzreiches Mezzavoce zur Verfügung. Ein technischer Defekt, den dieser gewinnende Tenor in den Griff bekommen könnte. Ebenso übrigens das Problem, mit wirklich adäquaten Partnern zu arbeiten und nicht mit der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Matteo Beltrami.

2009 greift Kaufmann bekanntlich in München nach dem "Lohengrin", CD und Konzert deuten aber eher auf anderes wie Siegmund und Parsifal hin. Kollege Villazón will sich übrigens auf sein angestammtes lyrisches Gebiet zurückziehen. Und "Traumpartnerin" Netrebko hat sich ohnehin längst in London mit "Traviata" getröstet. An ihrer Seite: Jonas Kaufmann.

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