Nährstoff Zweifel

- "Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die schwächste. . . . Wenn ich meine Mütze aufsetze, bin ich, denkt Meßmer.""Phantasie ist Erfahrung. . . . Alles, was ich mir sagen kann, ist nichts gegen das, was ich mir nicht sagen kann."

<P>"Meßmers Gedanken" aus dem Jahr 1985 beginnen und enden mit den ersten beiden Sentenzen. Oder Aphorismen, Splittern, Bonmots - wie immer man diese Kurzformen von Martin Walser nennen will. "Meßmers Reisen" von 2003 beginnen und enden mit dem anderen Satz-Paar. Eine nahtlose  Fort-"Sätzung". Die Gedanken, Reisen sind so oder so Gedankenreisen, Lebensreisen.<BR><BR>Walser ist in erster Linie berühmt für seine erzählerische Kraft. Die, nicht zu knapp bemessen, trägt meist weit gespannte, sich vielfältig verästelnde Romane. Charaktere werden sorgfältig ausgetüftelt, das Ambiente wird wort- und einfallsreich ausgebreitet, die Handlung zielstrebig und dennoch verschlungen-skurril fortgesponnen. Epische Strukturen also. Trotzdem streicht man sich als Leser immer wieder Sätze an, Einzelelemente, die durchaus für sich alleine stehen könnten, die man irgendwann einmal in einem dieser Wälzer für geflügelte Worte wiederfinden wird.<BR><BR>Dabei sind Tassilo Herbert Meßmers Äußerungen nicht als in Stein gemeißelte Grundsätze gemeint. Der Zweifel, der Selbstzweifel, die Unsicherheit allem und jedem gegenüber sind die Nährstoffe von Meßmers Denk-Impressionen. Sie wollen das eigene Sein nicht er-fassen, besetzen oder besitzen, sie betupfen es nur von vielen Seiten: "Meßmers Utopie: Er stünde zwischen allen Wünschen und äße achtlos Zeug aus Silberpapier. So gesund wäre er, und nutzlos." Oder: "Aber die Gewißheit muß man meiden. Besser, wir taumeln, träumen, reden dahin." </P><P>Dasein als Fragment</P><P>"Meßmer", "er" und "ich" erfahren die Welt und sich selbst fragmentarisch und können deshalb auch nur auf diese Weise darüber Auskunft geben. Das Zusammenhänge stiftende, das Sinn versprechende, das ordnende, das Welt schaffende, das aus diesem Grund so beruhigende Erzählen gibt es in diesem Buch nicht. Der Schöpfer Martin Walser nimmt sich mit seinem Meßmer eine Auszeit. Als Meßmer darf er Stückwerk abliefern.<BR><BR>"Wörter, zögert nicht, kommt, bei mir habt ihr zu tun. Ohne euch ist nichts. Mit euch ist nichts, aber nichts als etwas, nämlich Wörtlichkeit." Natürlich ist auch der meßmerisierte Walser in der Sprache verankert. Sie ist der Organismus mit dem scheinbar ewigen Leben, an den jeder Schriftsteller glauben muss. Selbst Silbenzerhacker und Lautpoeten kuscheln sich unter den Schutzmantel von Madonna Sprache. Martin Walser verlässt sich lange genug auf diesen Mutter-Schutz, sodass er keine Angst haben muss im semantischen Fragmentarium. Gewieft benutzt er den "Zufall" kollernder Kaleidoskop-Teilchen und ordnet sie zu immer neuen Mustern. Ein buntes Spiel - nicht nur des Ornaments, sondern auch der Klugheit. Und seiner Persönlichkeit. </P><P>Denn sie erlaubt dem Leser oft, Meßmer mit Walser zu vergleichen und umgekehrt. In dieser Zwischenwelt von Intimität und Distanz handelt der Autor genauso "zwischendrin" Lebensfreude/-überdruss und Todesangst, Reiseepisoden und soziale Reflexionen, lyrische Anmutungen und komische Begegnungen, Sex-Sehnsucht und Altern ab. "Meßmers Reisen" durch die Daseins-Ganglien: "Ich rase, mich spreizend, in der leeren Schachtel herum, mein Donnern und Dröhnen füllt die Welt. Ich übe Stürze, die ich vermeide. Ich lache mich, um zu überleben, des öfteren tot."</P><P>Martin Walser: "Meßmers Reisen". <BR>Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. <BR>191 Seiten, 17,90 Euro.</P><P><BR><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Meßmers Reisen </P> </P>

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