Die Nagelprobe

- Als 1988 eine umfangreiche Ausstellung mit Werken Günther Ueckers in Moskau gezeigt wurde - die West-Öffnung war noch lange nicht Normalität -, staunte ein russischer Besucher über die sagenhafte "Verschwendung" von Nägeln. Der Blick aus der Mangelwirtschaft traf auf eine Ästhetik, die in unseren Augen nur mit "armen" Materialien arbeitet. Gerade dieses Aneinanderstoßen von völlig unterschiedlichen Sichtweisen beweist die Sensibilität und Sinnhaltigkeit von Ueckers Kunst.

Es geht nicht um den Gag, alles Mögliche voll zu nageln, sondern um ein handwerkliches Ur-Ding, eine scheinbar simple, sehr nützliche Erfindung der Menschen vor langer Zeit. So wie sich Uecker vor dem Hand-Werk verneigt, ehrt er auch die Natur. Deswegen ist ihm Nachdenken über und künstlerisches Reagieren auf Krieg und Umweltzerstörung eins.<BR><BR>Günther Uecker wurde am 13. März 1930 im mecklenburgischen Wendorf geboren, lebt aber schon lange in Düsseldorf, wo er auch als Akademieprofessor unterrichtet. Mit seiner Technik, Flächen, Kugeln, aber auch Möbel mit Nägeln ganz oder teilweise zu überziehen, wurde er berühmt. In den späten 50er-Jahren gehörte er zur Zero-Gruppe, die sich dem Weiß und Licht-Effekten verschrieben hatte. Später benutzte der Künstler auch Sand, unbehandelte Baumstümpfe, Äste und Gräser, Leinen, Asche, Leim, Steine - und die Schrift, das Wort.<BR><BR>Faszinierend ist sein Umgang mit Nägeln bis heute. Sie scheinen bei ihm wie Pelz zu wachsen oder neigen sich wie Halme im Wind. Sie umhüllen und schützen, sie überwuchern und verletzen. Uecker hat auf diese Weise Werke geschaffen, die absichtslose Solitäre sind, meist jedoch sind die Arbeiten von Versenkung und Mahnung bestimmt. <BR><BR>So der Konzertflügel, der sich in eine Glasplatte bohrt und der als Teil der Installation "Kristallnacht" derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Nicht nur die Uecker-Retrospektive ist ein Geburtstagsgeschenk, sondern auch die Übersiedelung seines monumentalen Bühnenbildes für die "Wilhelm Tell"-Aufführung (Sommer 2004) vom Rütli nach Weimar. Die 26 mächtigen Holzkonstruktionen kommen in den Ilmpark in die Nachbarschaft zu Goethes Gartenhaus. Klassiker zu Klassiker gewissermaßen.

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