Die naivsten Schauspieler der Welt

München - Mit den Schauspielstudenten des dritten Jahrgangs der Bayerischen Theaterakademie inszenierte Jochen Schölch "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare. Ein Glücksfall.

Wenn ein Mensch zum Esel wird; wenn eine Frau blind vor Liebe ist; wenn Oberelf Puck die Gefühlswelt vernebelt, worauf alle Hemmungen fallen; wenn sich die zärtlichsten Gefühle in gröbste Gewalt verwandeln und wenn am Ende durch den wunderbaren Tanz der naivsten Schauspieler der Welt, nämlich der Handwerker, alles auf eine höhere Stufe von Wahrheit gehoben wird - dann kann es sich hier nur um die Bretter handeln, die die Welt bedeuten. Ein Glücksfall.

Eine große Schräge aus Holz, darauf sieben Schauspieler zwischen 20 und 24 Jahren, dazu ein Stück von Shakespeare: Was will man mehr? Schönes Wetter vielleicht. Denn im aktuellen Fall ist "Ein Sommernachtstraum" in erster Linie als Freilichtaufführung gedacht. Im Innenhof der Alten Münze in München sollte die Premiere sein. Doch das wäre bei der derzeitigen Witterung eine zu feuchte Angelegenheit geworden für den trockenen Witz dieser Sommer-Produktion der Bayerischen Theaterakademie. Und so sah das Publikum nun im Akademietheater die Inszenierung in ihrer wetterfesten Version. Eine wunder-zauberhafte Aufführung, ganz und gar geprägt durch die Fantasie ihres Regisseurs Jochen Schölch.

Da spielte es sehr schnell keine Rolle mehr, dass sich nicht ein sommernächtlicher Sternenhimmel über die Shakespeareschen Gefühls-Turbulenzen wölbte, sondern die schwarze Höhle des Akademietheaters. Denn egal, wo Schölch seine Schauspieler hinstellt, sie schaffen sich sozusagen aus dem Nichts den Raum, den sie für ihre Rollen und für das Stück benötigen. Und das gelingt den Studenten des dritten Jahrgangs fabelhaft. Dieser "Sommernachtstraum" kann sich sehen lassen, an welchem Ort auch immer.

Wir kennen es von Schölchs Inszenierungen am Metropol-Theater: Nie drängt er sich als Regisseur pompös oder aufdringlich vor. Seine Theatralik kommt aus dem Stück, seine Einfälle sind bezogen auf die Figuren. Für die Spieler heißt das: Sie dürfen alles zeigen, was sie können, denn Schölch bietet ihnen jede darstellerische Möglichkeit - von der Tragödie bis zur Groteske, vom klassischen Vers bis zum Dialekt.

So sah man den "Sommernachtstraum" - klug gekürzt auf zwei Stunden - wohl noch nie. Die Darsteller der Liebespaare - Hermia und Lysander (Julia Sontag und Dimitrij Schaad), Helena und Demetrius (Isa Weiß und Frederic Linkemann) - spielen auch die Handwerker. Das bedeutet: fliegender Wechsel, rasante Umzüge und, wenn's dem einfachen Stand gilt, Masken vors Gesicht. Das ist nicht nur wahnsinnig komisch, das ist zugleich so existenziell, dass hinter der Oberfläche der Geschichte immer auch die Geschichte dieser jungen Schauspieler mitschwingt. Herrlich, wenn der Darsteller des Lysander nun mit Maske und im Blaumann als Flaut die Schräge betritt und sich vor Freude, endlich auf der Bühne zu stehen, kaum fassen kann und er diesen Moment mit kindischer Lust bis zur Anbiederung an die erste Reihe auskostet.

Wie Jochen Schölch seine jungen Leute immer wieder aus sich selbst heraus schöpfen lässt, das ist großartig. Großartig einfach: auch die Verwandlung Zettels, gespielt von "Demetrius" Linkemann, in einen Esel. Zaubermeister Puck (Franziska Herrmann) setzt ihm per Handstand seine Füße als Eselsohren an den Kopf. Überhaupt dieser Zettel: Wie er mit generösen Gesten den Großmimen gibt, wie er als Grautier in seiner Brunft schnaubt und schnieft und wiehert - das ist sehr, sehr gut gespielt. Wie fast ausnahmslos alles in dieser hinreißenden Aufführung, in der Sonja Isemer und Christoph Müller-Leonhardt das modern coole Herrscher-Paar geben - jenes aus der profanen Welt wie auch das aus dem Land der Elfen und Feen. Ein Hauptspaß.

Bis 9. August,

Di.-Sa.; im Hof der Alten Münze oder bei schlechtem Wetter im Akademietheater. Tel. 089/ 21 85 28 99.

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