Für den Namen kann ich nichts

- Papa konnte doch nichts Besseres passieren: Katharina Wagner, Tochter des Bayreuther Festspielchefs Wolfgang Wagner und damit heftig für seine Nachfolge gehandelt, hat mit bislang zwei Opernprojekten ihre Klasse gezeigt. 2002 debütierte die heute 27-Jährige als Regisseurin mit Richard Wagners "Fliegendem Holländer" in Würzburg, 2004 folgte in Budapest der "Lohengrin". Nach zwei Werken ihres Urgroßvaters inszeniert sie, die Theaterwissenschaft studierte und unter anderem bei ihrem Vater und bei Harry Kupfer assistierte, fürs Gärtnerplatztheater Lortzings "Waffenschmied", Premiere ist am 20. Februar.

<P class=MsoNormal>Ist das jetzt der Schritt in die freie Opernwildbahn nach zwei Wagner-Werken, mit denen Sie seit der Kinderzeit vertraut sind?'<BR>Wagner: Es ist 'ne Abwechslung. Und eine neue Herausforderung, weil ich mir dieses Stück anders erarbeiten und von A bis Z vorknöpfen musste. Richard Wagner fällt mir naturgemäß leichter.</P><P class=MsoNormal>Und warum blieben Sie bisher trotzdem im deutsch-romantischen Umfeld? Warum kein Händel, kein Verdi?<BR>Wagner: Wagner war am Anfang irgendwie klar, 90 Prozent der Anfragen zielten darauf hin. Ist ja auch in Ordnung. Ich will außerdem keine Massenprodukte abliefern, sondern mich ordentlich vorbereiten können. Das heißt ein bis maximal zwei Stücke pro Jahr. Für 2006 habe ich eine nichtdeutsche Oper im Terminplan.</P><P class=MsoNormal>Bei welchen Werken sagen Sie: Das liegt mir nicht.<BR>Wagner: Zurzeit würde ich zum Beispiel keinen "Tristan" annehmen. Das hängt vielleicht mit dieser irrsinnigen Emotionalität zusammen, damit komme ich im Moment nicht klar. Ich weiß, dass da was ist, doch ich find's nicht in mir. Aber das kann sich in der nächsten Sekunde ändern.</P><P class=MsoNormal>Fühlen Sie sich ein wenig missbraucht? Ihr Name bringt doch einen wunderbaren PR-Effekt.<BR>Wagner: Man wird mit dem Namen geboren, da empfindet man die Situation anders als ein Außenstehender. Für den Namen kann ich nichts. Außerdem habe ich mich doch nie in die Öffentlichkeit gedrängt.</P><P class=MsoNormal>Haben Sie bewusst mit Ihrem "Holländer"-Debüt provoziert? Um es der Öffentlichkeit mal zu zeigen?<BR>Wagner: Nee. Das ist nicht mit dem Vorsatz gelaufen: Ich mach's ganz anders als mein Vater. Ich will mich nicht anbiedern, und ich will nicht provozieren. Für mich muss eine Inszenierung so sein, dass ich danach in den Spiegel schauen kann. Abgesehen davon: Ich kann ja nicht über meinen Altershorizont hinweg. Natürlich sehe ich als Regisseurin Dinge anders als diejenigen, die 40 Jahre mehr Erfahrung auf dem Buckel haben. Da bin ich ganz realistisch.</P><P class=MsoNormal>Eigentlich gehören Sie als gelernte Opernregisseurin einer seltenen Spezies an. Die großen Häuser, unter anderem Bayreuth, vertrauen auf Quereinsteiger wie Christoph Schlingensief oder Tankred Dorst.<BR>Wagner: Das kann man nicht verallgemeinern. Aber sicherlich: Das Handwerk ist wichtig, das merken gerade die Sänger. Sie sind ja letztlich die, die Ideen zum Leben erwecken sollten. Also müssen Regisseure mit ihnen kooperieren können. Es geht beim Inszenieren eben nicht nur um Konzepte. Regisseure werden auch dafür bezahlt, dass sie Handwerkszeug mitbringen. Vielleicht ist das mit den Quereinsteigern nur eine Mode, die sich wieder legen wird. Es gibt auch beim Bühnenbild Tendenzen wie jetzt, alles in Innenräumen darzustellen. Davon nehme ich unser Team gar nicht aus.</P><P class=MsoNormal>2007 inszenieren Sie in Bayreuth die "Meistersinger". Wollen Sie in der nächsten Zeit die Festspiele erst einmal umkreisen, um dann später verstärkt auf dem Grünen Hügel zuzuschlagen?<BR>Wagner: Also ich habe dort keine Verträge bis 2012, wenn Sie das meinen (lacht). Ganz deutlich: Dass nach den "Meistersingern" ein Katharina-Wagner-Zyklus kommt, ist weder von mir noch von meinem Vater geplant. Keine Angst. So was kann man dort gar nicht bringen. Bayreuth macht ja auch die Vielfalt aus.</P><P class=MsoNormal>Theoretisch müssten Sie sich jetzt als Regisseurin austoben, bevor Sie später in den Bayreuther Apparat eingebunden sind . . .<BR>Wagner: Ich habe durchaus eine verwaltungstechnische, eine bürokratische Ader, auch wenn das für manchen furchtbar klingen mag. Doch das hilft, um nicht realitätsfremd zu werden. Der Gedanke an eine wie auch immer geartete Führungsposition ist bei mir aber nicht ständig präsent. Die Frage Bayreuth steht nicht im Raum. Und es muss ja auch nicht unbedingt sein. Ein Konzept für die Festspiele habe ich nicht in der Tasche. Nur weil ich oft gefragt werde, sage ich jedes Mal: Unter der Prämisse, dass ich jetzt sofort Bayreuth machen sollte, würde ich eine Teamlösung anstreben.</P><P class=MsoNormal>Wann oder wie erfährt der Vater von Ihren Regie-Arbeiten? Überraschen Sie ihn erst bei der Premiere?<BR>Wagner: Wenn er mich fragt, sag' ich ihm natürlich schon was. Manchmal rufe ich ihn auch an, vor allem dann, wenn es ums Bühnenbild, um ganz Theaterpraktisches geht. Er mischt sich aber nie ins Konzept ein.</P><P class=MsoNormal>Für Ihren "Holländer" und den "Lohengrin" gab's viele Buhs. Werden auch Gärtnerplatz-Besucher geschockt sein?<BR>Wagner: Bei Lortzing sind ja kritische Andeutungen angesichts der damaligen Zensur zwischen den Zeilen versteckt. Lortzing ist mit so einem lieblichen Klischee behaftet. Das bekommt man bei uns natürlich nicht zu sehen, weil es nur auf den ersten Blick stimmt. Und davon könnten einige Besucher geschockt sein. Mir geht es aber nicht ums Ärgern, sondern ums Überzeugen. Meine Inszenierungen wenden sich auch nicht an ein bestimmtes Publikum, an Jugendliche oder Ältere. Von einer Sache gehe ich allerdings aus: Wer so viel Kraft hat, sich eine Karte zu besorgen, der hat so viel Kraft, sich auch 'ne Inhaltsangabe durchzulesen.</P><P class=MsoNormal>Und wo ist bei Ihnen die Grenze? Konwitschny unterbrach ja in Hamburg die "Meistersinger".<BR>Wagner: Ich verstehe, was er an dieser Stelle des Sachs-Monologes sagen wollte. Daher fand ich diese Unterbrechung nicht schlimm. Ich würde es vielleicht als sportliche Herausforderung sehen, das Stück durchlaufen zu lassen und doch dieselbe Aussage treffen zu wollen. Was natürlich schwieriger ist.</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
Sie war eine deutsche Diva und ein Multitalent: Margot Hielscher. Die Grande Dame der Leinwand, Showbühne und des Fernsehens war jahrzehntelang erfolgreich. Nun ist sie …
Schauspiel-Legende Margot Hielscher gestorben
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Die letzte Premiere der Salzburger Festspiele bringt ein Schlüsselwerk der Moderne auf die Bühne, Aribert Reimanns „Lear“. Während Bariton Gerald Finley triumphiert, …
„Lear“ in Salzburg: Apokalypslein now
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot

Kommentare