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„Sie ist eine widersprüchliche Kombination aus Herzenswärme und Raserei“: Naomie Harris als Winnie, hier mit Idris Elba als Nelson Mandela.

Naomie Harris:

"Winnie Mandela hat ihren Frieden gefunden"

München - Sie steht seit ihrem neunten Lebensjahr vor der Kamera und hat zwischendurch in Cambridge Sozial- und Politikwissenschaften studiert: die britische Schauspielerin Naomie Harris. Lesen Sie hier das Merkur-Interview.

Bekannt wurde sie als Magierin Tia Dalma in den „Fluch der Karibik“-Filmen und als Geheimagentin Miss Eve Moneypenny im James-Bond-Abenteuer „Skyfall“. Ab kommenden Donnerstag ist sie als Winnie Mandela in der Filmbiografie „Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“ im Kino zu sehen. Beim Filmfestival von Dubai trafen wir den 37-jährigen Star zum Interview.

Für manche ist Winnie Mandela eine Heilige, andere halten sie für eine Hexe. Wie haben Sie sich dieser komplexen Figur genähert?

Ich glaube, wir Menschen sind allesamt vielschichtige Wesen, und mich reizen kontroverse Charaktere. Doch Winnie ist schon eine sehr widersprüchliche Kombination aus Herzenswärme und Raserei. Ich selbst versuche, Wut und Hass so gut wie möglich aus meinem Leben zu verbannen – darum fiel es mir sehr schwer, mich in sie hineinzuversetzen. Ich wollte verstehen, was sie zu ihren extremen Taten getrieben hat. Dazu habe ich akribisch recherchiert und viele Zeitzeugen mit Fragen gelöchert.

Haben Sie auch mit Winnie Mandela gesprochen?

Ja. Sie scheint ihren Frieden gefunden zu haben. Ich hatte gedacht, sie käme mit einer ganzen Liste von Vorschlägen, wie ich sie porträtieren sollte. Aber sie sagte nur: „Erzähl’ einfach die Wahrheit.“ Ich finde, das sagt schon viel über ihren Charakter.

Wie hoch schätzen Sie Winnies Anteil an den Errungenschaften ihres Mannes?

Sie hat dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit ihren Mann nicht vergaß, während er 27 Jahre im Gefängnis saß. Sie war die Anführerin der „Free Nelson Mandela“-Kampagne, und als eine der zentralen Figuren der Anti-Apartheid-Bewegung spielte sie auch eine große Rolle bei den Aufständen in Soweto. Ich glaube, es war hart für sie, dass nach Mandelas Freilassung von ihr erwartet wurde, sich als brave Gattin und Hausfrau im Schatten ihres Mannes zu halten.

Wie hat sie auf den Film reagiert?

Die Filmpremiere in Südafrika war extrem nervenaufreibend. Alle Zeitzeugen waren da, man konnte die Anspannung förmlich riechen. Während der Vorführung war es totenstill, danach flossen die Tränen in Strömen. Auch Winnie schluchzte hemmungslos, und ihre Nichte hat mir den Arm vollgeheult. Winnie meinte zu mir, sie sei zum ersten Mal in einem Film richtig dargestellt worden.

Haben Sie andere Filme über Mandela gesehen?

Nein. Idris Elba, der Nelson Mandela spielt, und ich haben beschlossen, uns ganz bewusst keinen anderen Film anzusehen. Wir wollten uns nicht beeinflussen lassen. Er ist übrigens ein ganz wunderbarer Kollege: offen und großzügig und voller Hingabe für den Beruf.

Das sagen fast alle Schauspieler über ihre Leinwand-Partner.

Ja, ich weiß. Aber in diesem Fall stimmt es wirklich! Oh je, wie kann ich Sie bloß dazu bringen, mir zu glauben?

Sie könnten zum Beispiel verraten, ob Sie auch schon einmal mit einem Ekel zusammenarbeiten mussten.

Ja. Einmal. Es war eine Frau. Eine richtig fiese Ratte. Den Namen kann ich Ihnen natürlich nicht nennen, aber die Begegnung mit ihr war eine riesige Enttäuschung.

Stimmt es, dass Sie sich bei „Miami Vice“ geweigert haben, eine Sexszene mit Jamie Foxx zu drehen?

Ja. Ich fand die Szene für die Handlung völlig überflüssig. Ich mag es ohnehin lieber, wie so etwas in den James-Bond-Filmen gelöst wird: Da sieht man dann etwa von hinten, wie ein Kleid elegant zu Boden gleitet. Das ist doch viel erotischer, als Leuten beim Rammeln zuzusehen!

Ihre Miss Moneypenny in „Skyfall“ ist nicht mehr das Bond-Püppchen von früher…

...genau das hat mich gereizt. Regisseur Sam Mendes sagte zu mir: „Wir wollen die Figur neu erfinden. Sie soll eine moderne, starke Frau sein, mit der sich die Zuschauerinnen identifizieren können.“ Wenn Moneypenny bloß ein dummes Häschen gewesen wäre, hätte ich die Rolle abgelehnt.

Von welchem Regisseur haben Sie am meisten gelernt?

Von Danny Boyle. Ihm verdanke ich, dass ich Ihnen heute gegenübersitze. Er hat mich frisch von der Schauspielschule für eine Hauptrolle in „28 Days Later“ engagiert und so meine Filmkarriere ins Rollen gebracht. Und er hat mich in seiner „Frankenstein“-Inszenierung am Londoner National Theatre besetzt, wo mich wiederum Sam Mendes entdeckt hat. Ich werde Danny also mein Leben lang dankbar sein. Für ihn würde ich sogar ein Dummchen spielen und sinnlose Sexszenen drehen! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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