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Der Feldherr als Leichenkopf: Die Gebrüder Henschel schufen 1813 diese Napoleon-Karikatur, der Titel: „Der Triumph des Jahres 1813“.

Napoleons Scheitern neu analysiert - das waren die Ursachen

München - Zum 200. Jahrestag analysiert Adam Zamoyski Napoleons Feldzug gegen Russland, der 28.000 Bayern das Leben kostete. Dabei arbeitet er die eigentlichen Ursachen für den hohen Blutzoll des Feldzugs heraus.

Es war vielleicht nicht das größte militärische Desaster aller Zeiten, wie die Verlagswerbung verheißt, aber eines der größten wohl schon: Napoleons Feldzug gegen Russland vor nunmehr 200 Jahren. Ein gutes halbes Jahr nur, von Juni 1812 bis Anfang 1813, währte der Krieg. Doch der Blutzoll war unermesslich: Etwa eine Million Menschen starben, je zur Hälfte Russen sowie Franzosen und ihre Verbündeten – unter ihnen 28.000 von insgesamt 32.000 ausgesandten Bayern, Napoleons zuverlässigste Verbündete. Noch heute zeugen zahllose Toten- und Gedenktafeln in Kirchen und Kapellen von ihrem Tod.

Napoleons Feldzug ist, zumindest als Schlagwort, bis heute unvergessen: 130 Jahre später endete „wie bei Napoleon“ erneut ein Krieg auf russischer Erde mit einer Katastrophe. Die Analogien zwischen Napoleons Feldzug und Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion wurden oft bemüht. Und doch überwiegen die Unterschiede: Hitlers Feldzug war ein technisierter Krieg mit weit höheren Opferzahlen. Und Napoleons Feldzug war kein rassistischer Unterwerfungskrieg, schon gar kein Krieg, der den Holocaust mit sich brachte. Vielleicht stechen die Parallelen auch nur deshalb so ins Auge, weil wir in Wahrheit über den Ablauf von „1812“ so wenig wissen. Nicht ohne Grund beklagt der britische Historiker Adam Zamoyski, dessen schon 2004 erschienenes großes Werk jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, eine „Ignoranz dessen, was tatsächlich stattgefunden“ hat.

Die eigentlichen Ursachen für den hohen Blutzoll des Feldzugs

Akribisch analysiert Zamoyski den damaligen Kriegsverlauf und die Taktik seiner Protagonisten, also Napoleon und sein Gegenüber, Zar Alexander. Da der Autor Russisch spricht, konnte er zahlreiche russische Briefe, Tagebücher und Berichte einfacher Soldaten, Ärzte oder Marketenderinnen auswerten. Den Feldzug aus der Perspektive beider Seiten zu analysieren, ist die Stärke des Buches.

Vor allem arbeitet Zamoyski die eigentlichen Ursachen für den hohen Blutzoll des Feldzugs heraus. Gemeinhin sind ja Kälte und die unermessliche Weite Russlands die Schlagwörter, mit denen schnell alles erklärt werden kann. Sicher versanken auch Napoleons Truppen im Schlamm. Entscheidender aber für die Verluste seiner Truppen waren eine Reihe strategischer Fehler, für die Napoleon und seine Generäle verantwortlich waren.

Schlacht bei Smolensk der größte Fehler des gesamten Feldzugs

Schon der Beginn der Invasion war eine Quälerei. In wochenlangen Märschen zogen die Truppen quer durch Deutschland gen Osten. Ab Polen stellte sich heraus, dass Napoleons Generäle die Schwierigkeiten der Versorgung völlig unterschätzt hatten, sodass sich die Truppen aus dem Land heraus ernährten. „Das französische Versorgungssystem schlug übergangslos in Plünderei um“, schreibt der Autor. Das französische Wort dafür war „Fouragieren“ – gewaltsame Lebensmittelbeschaffung in den umliegenden Dörfern.

Sodann: Napoleon traf auf einen Gegner, bei dem alles anders war als sonst. Traditioneller „Kriegskunst“ verpflichtet, glaubte er an die eine große Entscheidungsschlacht. Doch er bekam sie nicht – lange Wochen wich der Gegner einfach zurück, dicht verfolgt von Napoleons Grande Armee, deren Nachschubwege dadurch erst recht überdehnt wurden. Den „zögerlichen Krieg“ nennt das Autor Zamoyski. Als der französische Kaiser dann bei Smolensk seine Schlacht bekam, war sie militärisch wertlos, mit tausenden von Toten erzwungen und, wie Clausewitz später schrieb, der größte Fehler des gesamten Feldzugs. Bei Borodino eskalierte eine weitere Schlacht im September in ein grauenvolles Gemetzel. Zum Teil wurden Schanzanlagen siebenmal gestürmt oder wieder zurückerobert – etwas „in der europäischen Kriegsführung vollkommen Neues“ nennt das der Autor. Erst an der Somme 1916 fielen wieder so viele Soldaten an einem Tag.

„Das ist ein abscheulicher Krieg"

Danach zog Napoleon kampflos in Moskau ein – ein „schaler Sieg“ (Zamoyski) und taktisch ein schwerer Fehler, denn gewonnen war damit nichts. Später sinnierte Napoleon darüber, dass er „14 Tage zu lange“ in Moskau geblieben sei – dem russischen Heer blieb Zeit genug zur Einleitung einer Gegenoffensive. Die Qualen, denen der einfache Soldat ausgesetzt war, beschreibt der Autor eindringlich. Hitze, Kälte, Regen, Schlamm, Schnee, Erfrierungen, weil die Soldaten teils barfuß marschieren mussten. Tote Pferde, die massenhaft den Weg säumten und zur begehrten Nahrung wurden. Die Ruhr grassierte, am Ende Kannibalismus. „Das ist ein abscheulicher Krieg“, notierte ein Augenzeuge.

Napoleon reiste schon am 5. Dezember mit einer Sonderkutsche zurück – nach 13 Tagen rasender Fahrt war er in Paris. Sein Ruf als genialer Stratege allerdings war ruiniert.

Adam Zamoyski:

„1812. Napoleons Feldzug in Russland“. Aus dem Englischen von Ruth Keen. C. H. Beck Verlag, München, 720 Seiten; 29,95 Euro.

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