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Das Bronze-Porträt von Anni Mewes nach der Restaurierung; die Flecken erinnern an die Hitzeeinwirkung.  

Narben der verfemten Werke

München - Die Schau „,Entartete Kunst‘ – Der Berliner Skulpturenfund von 2010“ macht in Münchens Neuer Pinakothek Station.

Als am Berliner Roten Rathaus 2010 gegraben wurde – kam da ein altägyptischer Frauenkopf zum Vorschein...? Was sich auf den ersten Blick als hochbetagt zeigte, war in Wirklichkeit – „entartete Kunst“. Die Archäologen waren auf die erste von 16 Skulpturen gestoßen, die einst als verfemte Werke zu einer NS-Sammelstelle gebracht worden waren. Die Phosphorbomben des Zweiten Weltkriegs und die enorme Hitze ließen die Plastiken, die alle zwischen 1917 und 1930 entstanden waren, so altern, als ob sie 2000 Jahre im Schutt gelegen hätten.

Diesen Sensationsfund stellte man im Berliner Neuen Museum sehr schnell aus; die Schau wandert nun durch Deutschland, soll aber auch ins Ausland gehen. Jetzt macht „,Entartete Kunst‘ – Der Berliner Skulpturenfund von 2010“ in Münchens Neuer Pinakothek Station, bevor sie nach Würzburg weiterzieht. Kuratorin Andrea Bambi, die bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zuständig ist für Provenienzforschung im Zuge der Beutekunst-Rückgabe, betreut die Präsentation. Sie wurde inklusive Vitrinen und Informationstischen über die Künstler und ihr Schicksal geliefert. So konnte sich Bambi ganz dem Münchner Stück widmen: eben jenem weiblichen Kopf. Nach der Behebung der schlimmsten Korrosionsschäden sind zwar noch in der roten Verfärbung der Bronze die enormen Hitzeschocks erkennbar – aber außerdem ist erkennbar, dass es sich um ein richtiges Porträt handelt.

Edwin Scharff (1887 bis 1955), der unter den Nazis schwere Repressionen erdulden musste, hatte die Schauspielerin Anni Mewes (1896 bis 1980) in Bronze dargestellt. Damals, wie man erfährt, eines der bekanntesten Bildnisse, zumal die blutjunge Mewes ruckzuck zur Berühmtheit aufgestiegen war – ob in Berlin, Wien, Hamburg oder in München an Falckenbergs Kammerspielen. Zuletzt lebte sie auch hier bei ihrer Tochter Annemarie Herald, eine Künstleragentin.

Die ausdrucksstarke, dezent modern stilisierte Plastik wurde schon von der ersten Kommission am 9. Juli 1937 zusammen mit 14 Gemälden – von Max Beckmann bis Lovis Corinth – in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen beschlagnahmt; im Sommer mussten 110 weitere Werke – von Josef Achmann bis Victoria Zimmermann – folgen. Die abtransportierten Exponate standen auf dem Berliner Speditionsgelände in den Lastwagen vom Oktober 1937 bis März ’38 – im Freien(!). Insgesamt rund 800 Kriegsverluste mussten die Staatgemäldesammlungen hinnehmen, konstatiert Andrea Bambi.

Die zeitgenössische Kunst war im München jener Zeit ursprünglich in der Neuen Staatsgalerie am Königsplatz – heute Antikensammlungen – untergebracht. Die Nazis, die den 1931 abgebrannten Glaspalast nicht mehr wiederaufbauen wollten, zwangen die Ausstellungslandschaft in ihr Korsett: Das betraf nicht nur den Prestigebau „Haus der deutschen Kunst“ und die Hetz-Schau „Entartete Kunst“ in der Hofgarten-Galerie. Darüber hinaus wurden die Werke des 19. Jahrhunderts (Neue Pinakothek) in die Staatsgalerie und die des 20. Jahrhunderts in den unfertigen Bibliotheksbau des Deutschen Museums gepresst. Die Neue Pinakothek selbst musste diverse „Staatliche Ausstellungen“ präsentieren. Kuratorin Bambi zeigt neben der Korrespondenz zur Beschlagnahmeaktion verschiedene Katalogabbildungen mit Skulpturen, die den Mächtigen gefielen: griffiger Kontrast zu den Funden der „entarteten Kunst“. Übrigens wurde schon 1939 die Pinakothek kriegsbedingt geräumt.

Die anderen Berliner Funde – Emy Roeder und Otto Freundlich sind wohl die bekanntesten – zeichnen sich durch feine, nie extreme Modernität aus: berührend das Antlitz von Roeders „Schwangeren“ (Terrakotta), die nur noch als Fragment existiert, schnittig-kühl Naum Slutzkys einst goldglänzende „Weibliche Büste“ (Bronze) oder – eigentlich ganz „harmlos“ – Karl Ehlers „Stehende Gewandfigur mit Traube“ (Bronze). Die Wissenschaftler des Museums für Vor- und Frühgeschichte, der Neuen Nationalgalerie und der Forschungsstelle „Entartete Kunst“, die weiterhin graben und die Funde umfassend analysieren, diskutieren im Übrigen, wie „perfekt“ man die Plastiken restaurieren sollte: An den ausgestellten Werken sind viele Narben belassen worden – eine gute Entscheidung. Denn so sprechen diese „Opfer“ überzeugend.

Simone Dattenberger

Bis 28. Januar 2013,

täglich außer Di. ab 10 Uhr; Katalog (Schnell & Steiner): 24,95 Euro.

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