Narziss im Spiegelkabinett

Kammerspiele: - "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise/ Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen/ Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter/…" Johan Simons lässt Heinrich von Kleists Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" mit den Grübeleien beginnen, die der zum Tode verurteilte Prinz erst im vierten Akt ausspricht. Simons' Homburg sitzt von Anfang an in seinem verspiegelten Geviert in Haft, ist dort die ganze Zeit -­ und wird es bleiben.

Selbst wenn zum Ende hin die Glaswände durchsichtig werden. Kleists grandiose, elegant hingezauberte Mischung aus Menschenzeichnung, Historiendrama und Disput über die Menschenrechte hatte am Samstagabend an den Münchner Kammerspielen Premiere.

Bühnenbildner Jan Versweyveld hat eine jener modischen, komplett verspiegelten Toiletten mit Kloschüsseln aus gebürstetem Stahl ins Schauspielhaus gebaut. Die eine Ecke des Fußboden-Quadrats bohrt sich in den Zuschauerraum. Das stille Örtchen, in dem sich die gesamte, stark (auch um Figuren) reduzierte Geschichte abspielt, soll wohl als Ironie-Signal dienen -­ mit donnerndem Deckel oder säuselnder Spülung.

Im Übrigen ist für die Inszenierung der Spiegel, der zunächst wie bei Verhörzimmern einseitig durchsichtig wirkt, das wichtigste Symbol: Prinz Friedrich Arthur von Homburg, bei Kleist Charmebolzen, Krieger mit Leib und Seele und obendrein Träumer, ist bei Simons nur ein Narziss. Selbst beim Geturtel mit Natalie schaut Homburg (Paul Herwig) schnell mal in den Spiegel. Regisseur und Schauspieler ziehen diese Interpretation konsequent durch. Das kommt klar und plausibel daher ­ und simplifiziert Kleists Stück auf eine einzige, äußerst grob gestrickte Freud-These. Man wünscht Herwig ein klein wenig von der Insubordination seiner Figur, um sie gegen die Ein-deutigkeit in Schutz zu nehmen.

So aber zeigt er einen jungen Mann, der, besessen von seiner Helden-Zukunft, als Heros posiert wie ein unsicherer Neuling in einer Laienspielschar. Der aus Klopapier den erträumten Lorbeerkranz und Handschuh Natalies an die Spiegel pappt. Der als schwadronierender Knallkopf auftrumpft. Deswegen versteht niemand, warum ihn alle vom knorrigen Offizier über Natalie bis zum Kurfürsten Friedrich Wilhelm herzlich mögen. Deswegen hat sein dramaturgisch entscheidender Fall vom schlachterprobten, tapferen Soldaten zum um sein bloßes Leben winselnden Geschöpf (zu Kleists Zeiten ein Skandal) überhaupt keine Fallhöhe und schon gar keine Tragik. Bei Simons wurde lediglich ein selbstherrlicher Kerl in die Knie gezwungen, den der heilsame Schock vom Narzissmus erlöst.

Der Regisseur hat wahrscheinlich selbst gemerkt, dass das arg einfach ist. So belässt er dann am Ende seinen Homburg doch im Spiegelkabinett. Der muss den Schluss, bei dem alle anwesend sind und selbst sprechen, alleine im Monolog hinter sich bringen. Auch die berühmten Worte: "Nein, sagt! Ist es ein Traum?" Kottwitz: Ein Traum, was sonst?" Und: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" Die Inszenierung zwängt den Prinzen in einen (das Stück) umfassenden Traum, macht ihn also zum Geisteskranken. Ganz im Gegensatz zu Kleist. Der gewährt Geistesfreiheit, die insbesondere dem Träumen eine übergeordnete Wahrhaftigkeit zuspricht.

Das hat theatralisch umso mehr Sprengkraft, als es in dem Drama zugleich um knallharte Politik geht. Ein kriegsverwüstetes Land versucht, die Besatzer zu vertreiben. Die historische Schlacht bei Fehrbellin 1675 gegen die Schweden war entscheidend. Kleist schreibt das Stück in einer Zeit, als sich Brandenburg-Preußen wieder wehren muss -­ gegen Napoleon. Die Existenz eines Gemeinwesens steht auf dem Spiel. Soldatsein, Befehl, Gehorsam, ja das Kriegsrecht bekommen eine andere Dimension. Das ist aktuell und diskussionswürdig bis heute; und weder speziell deutsch noch preußisch. Dass sich die Inszenierung da keinen Rat weiß, sich dem auch in keiner Weise stellt, macht den knapp dreistündigen Abend zwar nicht langweilig, aber unerfreulich glatt.

Die einzige Anstrengung, die vom Publikum gefordert wird, gilt dem Zuhören. Fast alle Schauspieler sprechen zu leise ­ und werden außerdem dem Kleist‘schen Rhythmus nicht gerecht. Wer die Geschichte nicht kennt, wird Verständnisschwierigkeiten haben. Am besten überwindet die noch Christoph Luser, der seinem Grafen Hohenzollern einen weitaus interessanteren Charakter ­- mit feinen Humor-Lichtpunkten -­ erspielt, als es Herwigs Homburg ist. Annette Paulmann bietet eine angemessen edle Kurfürstin. André Jung spielt versiert den Kurfürsten mit hübschen kleinen Witz-Akzenten und Abgründigkeiten, aber ohne echten Abgrund. Der versponnene Stephan Bissmeier, gegen den Strich als Obrist Kottwitz besetzt, schlenkert eine komische Figur hin.

Nur Sandra Hüller, Gast im Ensemble und bekannt geworden durch den Film "Requiem", erarbeitet der Prinzessin Natalie pragmatische Tatkraft und anrührende Glaubwürdigkeit: Diese unsentimentale, emanzipierte Frau riskiert einen Fast-Putsch und vermag den Helden zu lieben ­- und den Schwächling.

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