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„Ich versuche, einen ganz kleinen Schritt daneben zu sein“: Vicco von Bülow inmitten der Sketch-Requisiten, die in Berlin zu sehen sind.

Loriot-Ausstellung in Berlin

Als die Nasen noch spitz waren

Berlin - Die bislang größte Ausstellung zum Werk von Loriot alias Vicco von Bülow ist in Berlin eröffnet worden. Anlass ist der 85. Geburtstag des großen Humoristen am 12. November.

Der Elefant mit den roten Augen wirkt fast bedrohlich. Säße da nicht zwischen seinen Füßen, lässig angelehnt, ein Mann im schwarzen Anzug – und mit Knollennase. Loriot lässt grüßen. In einem Gemälde, das sonst so gar nicht seine Handschrift trägt. Erstmals sind im Rahmen der Ausstellung „Loriot. Die Hommage zum 85. Geburtstag“ im Berliner Museum für Film und Fernsehen die neuesten Werke Vicco von Bülows zu sehen.

Expressionistisch muten sie an, die „Nachtschattengewächse“. Kubistisch scheinen sie und ein bisschen à la Picasso. Frauen mit Knollennasen und knallbunten Brüsten. Ein „Zeitteufel“ – ebenfalls mit Knollennase – blickt durch eine transparente Uhr. „Es ist ein ganz anderer Stil als bei seinen humoristischen Zeichnungen“, erläutert Stefan Lukschy, Freund und Weggefährte Loriots. Aber gleichzeitig sei Vicco von Bülow mit diesen Bildern, die von Träumen inspiriert und in den Jahren 2006 bis heute entstanden sind, zu den Ursprüngen seines Schaffens zurückgekehrt – eben zum Zeichnen.

Vieles, was zwischen Loriots Anfängen und dem Jahr 2008 liegt, haben die Kuratoren der Ausstellung als Gemälde „verpackt“. Über Monitore, die in Bilderrahmen an roten Wänden hängen, flimmert singend Wum, der Hund, ebenso das Ehepaar, das über die Härte des Hühnereis diskutiert. Nebenan teilt ein Nachrichtensprecher mit, dass natürlich in jeder Sau ein Schwein schlummere. In Raum 1 der Schau darf der Besucher über Loriots Sketche schmunzeln. Unterteilt in die Kategorien „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ und „Tierisch“. Wem das nicht genug ist, der geht in die Programm-Galerie. Hier warten 73 Stunden Filmmaterial. „Nehmen Sie einen Schlafsack mit“, rät Kurator Peter Paul Kubitz.

Das hätten er und seine Kollegin Gerlinde Waz wohl auch tun können, als sie zu Gast waren in Vicco von Bülows Privatarchiv. Drei Tage und drei Nächte durften sie stöbern. „Es war unglaublich vertrauensvoll“, erzählt die Kuratorin. Und wohl die einzige Möglichkeit, das Ziel ihres Projekts zu erreichen: etwas über und von Loriot zu präsentieren, das nicht jeder kennt. Wie die „Nachtschattengewächse“ oder frühe Zeichnungen aus den 50er-Jahren, als die Nasen seiner Männchen noch spitz waren.

Überdies sind in der Ausstellung Requisiten zweier Sketche zu sehen – mit dem Original-Mantel aus „Die Zimmerverwüstung“ und dem originalgetreu nachgestellten Wohnzimmertisch samt Häkeldecke und Porzellan-Schäferhund aus „Der Lottogewinner“. Es mieft verdächtig nach jenem Spießbürgertum, das Loriot so gerne entlarvt hat dank seiner in viel Charme gepackten Gnadenlosigkeit.

Letztlich hat Loriot den Alltag der Deutschen abgebildet: „Das wirklich Absurde hat mich nie interessiert“, sagt er. „Mich hat immer interessiert, was wirklich ist und was jedem täglich passiert. Das, was ich versuche, ist, nur einen ganz kleinen Schritt daneben zu sein, um deutlich zu machen, wie grotesk es eigentlich ist, was wir täglich erleben.“

Nach dem Besuch dieser Berliner Ausstellung solle den Menschen die Welt „ein bisschen ungewisser, seltsamer, schräger“ vorkommen, wünscht sich daher auch Kurator Peter Paul Kubitz. So schräg wie die Frau mit den knallbunten Brüsten? Wer genau hinsieht, erkennt auch hier: Parodie.

Julia Wölkart

Bis 29. März

Di. bis So., 10 - 18 Uhr, Potsdamer Str. 2, Telefon 030/ 300 90 30, www.deutsche-kinemathek.de

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