+
Natascha Wodin 

Buchvorstellung im Literaturhaus

Natascha Wodin: „Ich war Kehricht, übrig geblieben vom Krieg“

  • schließen

Die Schriftstellerin Natascha Wodin wurde im Frühjahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Jetzt stellte sie ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ im Münchner Literaturhaus vor. 

München – Es war ein langer Weg, den sie zurücklegen musste, bis sie diesen Satz sagen konnte: „Ich habe meine Mutter jetzt doppelt“, erklärt Natascha Wodin am Mittwoch in München. „Die, die ich gekannt habe – und die, die ich gefunden habe.“ Die Schriftstellerin und Übersetzerin ist ins Literaturhaus gekommen, um „Sie kam aus Mariupol“ vorzustellen, jenes Buch, für das sie im Frühjahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde.

Es ist die Geschichte einer Suche. 1956, als Natascha Kind war, hat sich Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, die „todtraurige Prinzessin“, ertränkt: „Zehn Jahre lang habe ich sie gekannt.“ Aus dieser Zeit erinnert sich Wodin, die 1945 in Fürth geboren wurde, vor allem an diesen Satz der Mutter: „Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe...“ Der „Kehrreim ihrer Kindheit“ war alles, was zu Hause über die Vergangenheit gesagt wurde.

Wodins Mutter wurde 1920 in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol geboren und zusammen mit ihrem Mann 1944 von den Nazis nach Deutschland verschleppt, wo sie als „Ostarbeiterin“ bei der zum Flick-Konzern gehörenden ATG Maschinenbau in Leipzig schuften musste. „Die längste Zeit meines Lebens habe ich nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin“, berichtet Wodin im Literaturhaus, in dem nur wenige Plätze frei geblieben sind. Einen Karton mit Dokumenten ihrer Eltern habe sie einst unbesehen weggeworfen: „Alles, was meine Herkunft betraf, sollte weg. Ich war Kehricht, übrig geblieben vom Krieg. Es sollte keine Beweise geben. Als Kind wollte ich unbedingt dazugehören.“ Erst 2013 hat sie aus einer Laune heraus den Namen der Mutter in eine Suchmaschine des russischen Internets eingegeben – und war überrascht, dass sie fündig wurde.

Ihre Recherchen, ihre Entdeckungen, auch ihre Mutmaßungen schildert Wodin in „Sie kam aus Mariupol“ – und zeichnet damit ein weiteres Bild der Mutter. Die Autorin schreibt so unaufgeregt sachlich, wie sie in München liest. „Wenn ich das emotional aufgeladen hätte, wären die Fakten untergegangen.“ Für die 71-Jährige, die 1983 mit „Die gläserne Stadt“ debütierte, ist ihr Werk auf „keinen Fall eindeutig ein Roman“, sondern einfach „die Geschichte meiner Mutter“. Wer ihr Buch jedoch liest, erkennt, dass diese Spurensuche nur mit den Mitteln der Literatur derart dicht gewoben werden konnte. Nikolaj, Wodins Vater, kommt darin übrigens nur am Rande vor. Doch das ändert sich vielleicht bei ihrem nächsten Projekt, wie die Autorin am Ende des Abends verrät: „Es könnte sein. Aber eigentlich rede ich noch nicht darüber.“

Informationen zum Buch:

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“. Rowohlt Verlag, Reinbek, 368 Seiten; 19,95 Euro.

Unsere wichtigsten Kultur-Geschichten posten wir auch auf der Facebookseite „Kultur aus München und der Welt - festgehalten vom Münchner Merkur“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Die Wiener-Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser erzählt im Interview von ihrer Autobiografie. Mutig aber nicht voyeuristisch - so sollte ihr Buch werden. Nun wird bereits …
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem …
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Schon wieder ein Mozart-Requiem auf CD? Wenn man es so aufregend deutet und eine so überzeugende Neufassung bietet wie René Jacobs - unbedingt!
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs

Kommentare