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Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan vom Bayerischen Staatsballett in dem Choreographie-Juwel „Goldberg-Variationen“ von Jerome Robbins. Es durfte seit 1971 bis jetzt nie von einer anderen Company als dem New York City Ballet präsentiert werden.

Ballettwoche: Klassik, Moderne und Folklore-Spritzer

München - Auftakt der Ballettwoche mit Jerome Robbins‘ „Goldberg-Variationen“ und Jiri Kyliáns „Gods and Dogs“ im Nationaltheater München.

Welches Glück! Wir haben die „Goldberg-Variationen“ von Jerome Robbins in München. Zu Lebzeiten hat er das 1971 entstandene Ballett keiner anderen Company gegeben, und auch der verwaltende Robbins-Trust saß darauf wie die Henne auf dem Ei, bis es Ivan Li(s)ka nun doch gelang, dieses Juwel vom New York City Ballet für seine Company loszueisen. Nicht nur er – jeder einzelne Tänzer hat das als Ritterschlag empfunden, und entsprechend sieht das Ergebnis aus: Man dürfte es dem Meister genau so präsentieren. Das Staatsballett übertrifft sich selbst.

Alle agieren mit einer wie selbstverständlichen Stilsicherheit, die aber immer noch persönliches Temperament und persönliche Freiheit einschließt. Das geht mit der berückend schön getanzten Sarabande von Martina Balabanova und Cristian Assis los – ein Muster an stilistischer Anverwandlung, bei der nicht nur das höfische Schrittmaterial exerziert, sondern das Lebensgefühl einer Epoche getroffen wird.

Der geniale Jerome Robbins, bei dem man ja immer die „Westside Story“ und all die anderen Musicals mitdenkt, hat Johann Sebastian Bachs Musik (live am Klavier, nicht etwa vom Band, begleitet von Elena Mednik) choreographisch so musikalisch umgesetzt, dass man, wie man es zuerst bei Ponnelles Opernregie erlebt hat, besser hört, wenn man sieht. Das ist das genaue Gegenteil von annektierend „vertanzter Musik“. Dem Variationenreichtum Bachs setzt Robbins ebenso reiche choreographische Antworten entgegen, variiert Tanzstile, wechselt zwischen Klassik, Moderne und Folklore-Spritzern, erstirbt auch keineswegs in Ehrfurcht vor Bach, sondern lässt Humor blitzen. Und: Es bleibt immer erotisch. Immer sind es Menschen – zwei, drei, viele –, die sich anschauen, umflirten, auch enttäuschen.

Auf den Lidschlag sind die Tänzer im jeweils neuen Tempo, im neuen „Klima“. In der Präparation reicht die Andeutung einer Handbewegung, und der Grundton des Kommenden ist da. Zu bewundern ist bei den Tänzern die geistige Leistung, dieser Wille (und die Fähigkeit) zur Feinzeichnung, das Sich-Einlassen auf diese hochkomplizierte Aufgabe. Sie haben uns eine Schule des Sehens bereitet.

Greller, auch heutiger, geht es bei Ji(r)i Kyliáns „Gods and Dogs“ von 2008 zu. Es ist sein letztes Stück fürs Nederlands Dans Theater und quält sich hochexpressiv mit den Grenzen des Menschen zwischen Normalität und Verrücktheit, Gesundheit und Krankheit herum. Vor einem Vorhang aus goldenen Schnüren, der je nach Emotion in wilde Bewegung kommt, unter riesigen Schatten und einem bedrohlichen Video-Geisterhund zeigen vier Paare in Sackleinen atemberaubende Körperbeherrschung, turnen übereinander, springen einander auf die Köpfe und geraten an die Ränder ihrer Existenz bis zu bedrohlichen Zitter-Anfällen, je nachdem, ob dazu die scharfen Schläge von Dirk Haubrichs Geräuschen oder ein Beethoven-Streichquartett tönt. Ein Adrenalinstoß, wie er für Kylián selten ist.

Das Publikum beklatschte ihn, wohl weil er seinem Lebensgefühl näher ist, weit stärker als den Robbins. Es ist ja auch nicht einfach, neunzig Minuten der Hohen Schule einer für manche heute bloß historischen Zeichenwelt zu folgen.

Nächste Vorstellungen am 26.4., 30.5., 8. und 23.6., 2.7., Karten unter Telefonnummer 089/21 85 19 20.

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