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Lance Ryan als Siegfried. Menschenleiber formen seine Umwelt – hier den Drachenkopf –, wie es die Regie von Andreas Kriegenburg für den „Ring“-Zyklus vorsieht.

"Siegfried" auf Schonkost

München - Tenor Lance Ryan imponiert in „Siegfried“ im Nationaltheater – Andreas Kriegenburgs Regie bleibt weiter szenisches Glutamat. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

Gute fünf Stunden sind bis dahin vergangen. In Wagnerianer-Dimensionen also ein Wimpernschlag, im Regiekrankheitsfalle freilich eine kleine Ewigkeit. Und dann kriegt sie ihren Kuss, nein: eher ein scheues Bussi, das Siegfried seiner schlummernden Tante auf der Backe platziert. Noch mal einen richtigen Kuss nachgeschoben, da streckt sich Brünnhilde, begreift, bebt kurz vor Weinen, bis ein Leuchten übers Gesicht geht, das sich im jubelnden Gesang widerspiegelt. Und plötzlich ist der Plunder vergessen. Die sich zu Wald, Mauer und Feuer ewig neu formierenden Statisten. Die beiden neckisch gemeinten Waldvöglein (bei denen man gern die Riesenpatsche rausgeholt hätte). Vor allem das ewige Rechts-Links-Tigern an der Rampe – aber gut: Warum soll es Solisten-Säugetieren anders gehen als unbeschäftigten Vierbeinern im Zoo? In dieser letzten halben Stunde liefert Andreas Kriegenburg den Gegenbeweis zu seinem problematischen Konzept. Und das ist das Bemerkenswerteste, Verräterischste an dem neuen „Siegfried“ im Münchner Nationaltheater.

Bedanken darf sich der Regisseur dabei bei Catherine Naglestad. Die erfühlt, erleidet, durchdringt ihre erste Brünnhilde mit einer Intensität, einer wissenden Präsenz, lässt Gesang und Spiel auf eine solche Weise ineinandergleiten, dass die Premierengemeinde auf der Zielgeraden einen Adrenalinschub bekommt. Eine Tragödin mit Augenzwinkern. Und mit einer zartbitteren, substanzreichen Stimme, die zum Hinhören zwingt. Ihr „Ewig war ich“ – ein lyrisches Liebkosen der Töne. Die dramatischen Aufschwünge bis zu den gefürchteten Cs – ein Triumph. Dabei behält Kriegenburg ja Recht. Richard Wagners „Ring“ als Politparabel, als klingende Fascho-Kapitalismus-Anklageschrift, das ist mehr als durch. Weg vom Ballast, hin zum im besten Sinn naiven Erzählen: Dieser Vorsatz führt bei diesem „Siegfried“ indes zum Fantasiekrampf. Mit Monsterblasebalg und aufgeregtem Volk in Weiß werden die Schmiedelieder angereichert, Lindenwald und Drachengesicht aus Menschenkörpern gebildet, ebenso die Flammen um Brünnhilde, wenn sich das (imponierende) Stummspielpersonal unter orange beleuchteten Plastikplanen windet. Das ist einfallsreich, auch bei La Fura dels Baus abgekupfert, leidet aber schnell an eklatantem Wirkungsverlust. Und eine Pointe wie das nicht funktionierende „Playback“ bei Siegfrieds Hornruf wird ja nicht besser, wenn man mehrfach darauf herumreitet.

Poesie, ein Theater der einfachen, der puren Zeichen, darauf zielen Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald Thor. Grundsätzlich haben sie da die Operngemeinde auf ihrer Seite. Ebenso mit der Idee, das Geschehen zu brechen, die „Ring“-Figuren mit stummen Mitspielern zu konfrontieren. Aber dann scheint Kriegenburg plötzlich vor seinem Konzept zu erschrecken, traut sich nicht an letzte Konsequenzen: Warum halten Wotan & Co. eigentlich nicht mehr Zwiesprache mit der Statisterie? Kriegenburg, ganz biederer Bilder-Lieferant, verhandelt das Stück auf zwei Ebenen – und bietet doch keinen doppelten Boden. Oder es passieren Regietodsünden wie in der Frageszene des ersten Akts, wenn genau das pantomimisch vorgeführt und damit verdoppelt wird, was Wotan gerade erzählt: So schlicht sind Münchens Wagner-Gestählte nun auch wieder nicht. Illustrationstheater also. Viel szenisches Glutamat. Eine Regie, die sich aufs Organisieren der Statisten konzentriert, während vorne die Solisten festen Blickes zu Dirigent und Souffleur Gesten-Recycling betreiben.

Dabei spendiert die Staatsoper in diesem „Siegfried“ die bislang beste „Ring“-Besetzung. Lance Ryans offenen, wie unbehauenen Tenorklang muss man mögen, doch kommt derzeit keiner so unversehrt durch die Siegfried-Partie. Die Schmiedelieder mit Kraftmeierlust schmettern und dann trotzdem das Schlussduett mit solchen Reserven absolvieren – da nimmt man eine gewisse Lyrikverknappung gern in Kauf. Thomas J. Mayer singt den Wanderer mehr auf den Punkt, auch uneitler als den „Walküren“-Wotan. Ein Heldenbariton der schlanken Attacke, textbewusst, mühelos in den Extremphrasen des dritten Akts. Wolfgang Koch weitet seinen Alberich auf Großformat. Ein Sänger, der wie kaum ein anderer Drastik mit Wohlklang verbinden kann – und bei dem der Wotan (2013 für Bayreuth vorgesehen) ein überfälliger Schritt ist. Auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke flüchtet sich nicht ins landläufige Mime-Keifen und beweist, dass man solche Charakterpartien genau, kraftvoll, dennoch nuancensatt und als intelligente Filigranaufgabe verstehen kann.

Schlüssiger, geschlossener als die „Walküre“ gelingt Kent Nagano dieser „Siegfried“. Das Hochemotionale des dritten Akts bleibt allerdings Behauptung: In der Erda-Szene, besonders im Finalduett schaltet Nagano auf lautstarken Sicherheitsmodus. Manches bleibt nur Episodenreihung. Doch scheint sich Münchens GMD mehr aus der Deckung zu wagen. Lyrismen sind nun weniger geschmäcklerisch, Entwicklungslinien besser herauszuhören. Überhaupt wird wieder deutlich: Bei Wagner spielt das Bayerische Staatsorchester in seiner „Muttersprache“. Ob dem Chef immer bewusst ist, auf welches Potenzial er sich hier verlassen kann – und manchmal auch muss? Bis auf ein, zwei unberechtigte Buhs gegen Lance Ryan ungetrübter Jubel. Ein „Siegfried“ auf Schonkost heruntergeköchelt, so was lässt sich ja ohne Bauchgrimmen konsumieren.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

am 31.5., 3.6., 6., 13. und 15.7.; Tel. 089/2185-1920.

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