Natur und Mozart als Lehrmeister

- Balthus im Kimono. Das Gesicht im archaischen Hell-Dunkel. Das Atelier ein Meer vor Farbkübeln. Das Chalet in der Gruyère: hermetisches 18. Jahrhundert mit 30 Zimmern. Balthus als Wächter seines Reiches in roter Ordensrobe. Seit Ende der 70er-Jahre wurde der Pendler zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz hier sesshaft. 1993 fotografierte der Japaner Kishin Shinoyama den Maler (1908-2001) daheim und erzählte so wesentlich mehr über den Eigenbrötler, als er je preisgeben wollte.

Die Fotos und Skizzen erhellen nun im Münchner Institut franç¸ais den Hintergrund der seltsam zeitlosen, poetisch-erotischen Momente von Balthus' Bildwelt. Studien zum "Türkischen Zimmer" oder zu "Maler und Modell" belegen den realistischen und handwerklichen Ansatz: "Wenn ich male, versuche ich nicht, mich selbst, sondern eher die Welt auszudrücken." Seine Witwe und Muse Gräfin Satsuko Klossowska de Rola bringt weiteres Licht ins Mysterium.

Die Ausstellung ist für Sie quasi eine Zeitreise zurück in die Jugend: Wir sehen Sie in vielen Zeichnungen. Wie war es, Modell zu sein?

Setsuko Klossowska de Rola: Ich traf Balthus 1962. Sie sehen hier die ersten Zeichnungen von 1963 bis '65, noch vor unserer Hochzeit. Es war wundervoll, Modell zu sein. Dadurch wird man zu etwas, das bleibt.

Und wie arbeitete Balthus?

Klossowska: Den Skizzen gingen lange Beobachtungen voraus. Balthus machte ganz viele Studien von kleinsten Veränderungen der Haltung. Das waren stundenlange Sitzungen. Wie sehr Handbewegungen anstrengen, merkt man erst nach einer langen Stunde. Mein Mann gönnte sich keine Mittagspausen, weil er das Tageslicht ausnutzen wollte. Erst abends hatte er Zeit zum Erholen, vor allem bei der Musik von Mozart, den er als seinen Meister bezeichnete.

Trotzdem war Balthus dafür bekannt, sehr lange für die Bilder zu brauchen, gar nach Jahren noch einmal neu anzufangen und damit seinen Händler zu verschrecken.

Klossowska: Das stimmt. Das konnten zwei, aber auch zehn Jahre für ein Bild sein.

Haben Sie die gesamten Entstehungen mitverfolgt? Waren Sie im Atelier mit dabei?

Klossowska: Nein. Die Skizzenbücher hatte Balthus immer dabei. Die Umsetzung im Atelier war etwas viel Intimeres, eng verbunden mit der Inspiration. In diese isolierte Welt nahm er nur seine Skizzen mit. Das Studio war ein heiliger Platz, hier durfte keiner eintreten. Wenn ich einmal etwas Dringendes zu besprechen hatte, klopfte ich auch vorsichtig an.

Es gibt aber viele Studien ganz junger Mädchen, die anfangs berüchtigt waren.

Klossowska: Er hat einige seltene Male Mädchen als Modelle ins Studio eingeladen. Schließlich war es seine Basis, nach der Natur zu arbeiten. Die Natur bezeichnete er als seine Lehrmeisterin.

Die Skizzen sind dementsprechend realistisch. Die Übersetzung in die Malerei ist eine ganz andere, kaum greifbare, eher mystische.

Klossowksa: Die Gemälde bezeugen einen weiteren Schritt. Die Basis dafür ist die Tradition, die zu etwas Universellem übersetzt und mit allen geteilt werden soll. Alltägliches und Populäres soll ebenso speziell wie allgemeingültig werden.

Wenn Sie das mit den damaligen Avantgardisten vergleichen, mit denen er befreundet war, von denen er sich malerisch aber distanzierte, oder mit heutiger Kunst: Wo liegen die Unterschiede?

Klossowska: Das Problem ist, dass man da nicht von der Natur lernt. Das verliert sich leider. Deswegen haben wir auch die Ausstellung hier gemacht. Wir wollen zeigen, wie wichtig die Beobachtung ist: der Schlüssel zur Kunst.

Das Gespräch führte Freia Oliv

Bis 13. April, Kaulbachstr. 13, Tel. 089/ 28 66 2 80.

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