Noch ahnt er nichts vom Tod: Siegfried (Stephen Gould, Mi.) mit Anna Gabler als Gutrune, die er heiraten will, und deren Bruder Gunther (Iain Paterson). Foto: Wilfried Hösl
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Noch ahnt er nichts vom Tod: Siegfried (Stephen Gould, Mi.) mit Anna Gabler als Gutrune, die er heiraten will, und deren Bruder Gunther (Iain Paterson).

Naturbursch’ im Konsumrausch

München - Finanzkrise, Euro-Rettungs-Schirm, Kapitalismus-Kritik und Atom-Debatte. Die „Götterdämmerung“ in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg ist ein halbes Jahr nach ihrer Premiere aktueller denn je.

Austauschbarkeit oder geschickt geflochtene, allgemeingültige Inszenierung?

Bei der Wiederaufnahme der „Götterdämmerung“ am Sonntag deckte sich die Besetzung jedenfalls fast genau mit der Premieren-Besetzung vom vergangenen Juli: Iain Patersons Gunther schwankt zwischen moralisch integren Gewissensbissen und angeberisch geldgierigem Banker. Seine Schwester Gutrune, dargestellt von einer in bester Form singenden Anna Gabler, wippt verführerisch auf einem Euro-Schaukelpferd, während Hagens Angestellte sie mit ihren Handys fotografieren und filmen. Hans-Peter König mimt den Firmenchef Hagen bestimmt und selbstsicher mit einem vollen und klaren Bass. Als naiver Naturbursch’ platzt der mittlerweile nicht mehr ganz so junge und unschuldige Siegfried (Stephen Gould) in die moderne Konsumwelt des Gibichungen-Glaspalasts – größer könnte der Gegensatz nicht sein.

Gould interpretiert ihn mal mit kräftiger Stimme, mal herrlich lyrisch und gefühlvoll, bis er schließlich mit einem Gänsehaut erregenden Pianissimo stirbt. Seine angetraute Brünnhilde, wieder meisterhaft von der bereits vergangene Saison umjubelten Nina Stemme gesungen, und Michaela Schuster als Waltraute sind dem Münchner Publikum bereits bestens bekannt, ebenso die Rheintöchter Okka von der Damerau und Angela Brower, die mit Hanna-Elisabeth Müller einen beachtenswerten Neuzuwachs bekamen.

Im Graben haben die Sänger in Kent Nagano einen starken Partner, der zwar auf sie Rücksicht nimmt, aber leider manch schöne Orchestermomente – wie den Trauermarsch im dritten Aufzug – durch breite Tempi und einen dynamiklosen, stets gleichlauten Klangteppich verschenkt. Viel Jubel.

Anita Svach

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