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Ganz altmeisterlich-realistisch dürfen die wunderbaren Schauspieler agieren, hier Juliane Köhler (li.) und Hedi Kriegeskotte als alte Dame von Dürrenmatt’schen Dimensionen.

Premiere im Münchner Marstall

Nazi-Revue ohne Nebenwirkungen

München -  Premierenkritik: Marius von Mayenburgs „Der Stein“ als ein perfekt gemachter Theaterabend im Münchner Marstall.

Die Parteiabzeichen sind längst im Garten vergraben. Aus dem Radio trällern Siebzigerjahre-Hits wie „Dschingis Khan“ oder Ostschlager wie Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“. Und manchmal wird ein Schubkarren voller staubiger Trümmer über die Bühne geschoben. Das ist der Müll der Geschichte, aus dem unversehens die Geister ermordeter Juden aufsteigen.

Dabei hatten sich Witha, Heidrun und Hannah doch alles so schön zurechtgebogen: Der Großvater habe seinem jüdischen Chef das Leben gerettet, indem er ihm Geld für die Flucht nach Amerika gab, damals, in der NS-Zeit, so lautet der Familienmythos, an dem Großmutter, Tochter und Enkelin immer weitergewoben haben wie die drei Nornen am Schicksalsseil. In Wirklichkeit luchste Opa dem verfolgten Vorgesetzten 1935 die Villa für ein Butterbrot ab und beerbte ihn auch gleich noch als Vorstand des veterinärmedizinischen Instituts. Das wird peu à peu enthüllt durch Rückblenden auf verschiedene Zeitpunkte der Vergangenheit.

„Verachtet mir die Meister nicht“ – so könnte nach einem Zitat aus Wagners „Meistersinger“ das unausgesprochene Motto dieser Aufführung im Münchner Marstall lauten. Denn schon das Stück, Marius von Mayenburgs Arisierungs-Drama „Der Stein“, ist ein meisterlich gebautes „Well-made play“. Gegeben wird es von wunderbaren Schauspielern: Juliane Köhler, Nora Buzalka, Katrin Röver, Lukas Turtur und allen voran Hedi Kriegeskotte als alte Dame von Dürrenmatt’schen Dimensionen dürfen ganz altmeisterlich-realistisch agieren. Und dazu hat Thea Hoffmann-Axthelm auch noch ein meisterliches Bühnenbild entworfen: einen offenen Quader aus weißen Pfeilern, die Essenz einer schicken Bauhausvilla, die quasi als unser Haus Deutschland fungiert. Denn am Anfang sieht man in einem starken Bild, wie alle Personen mit gemeinsamen Kräften das Haus um seine eigene Achse drehen; dann stellen sie sich am Bühnenrand auf und summen mit geschlossenen Lippen das Deutschlandlied. Darf man das? Ein Drama über weggelogene Untaten der NS-Zeit so meisterlich (also bruchlos) auf die Bühne bringen? Wo doch auch der Tod „ein Meister aus Deutschland“ ist, wie Paul Celan sagt.

Ja, Sarantos Zervoulakos darf das. Er ist zwar ein Meister (im Inszenieren), aber nicht aus Deutschland, sondern aus Thessaloniki – wenngleich im Ruhrgebiet aufgewachsen. Jedenfalls hat er Mayenburgs Stück ganz werktreu eingerichtet, als farbigen historischen Bilderbogen, der 60 Jahre deutscher Geschichte von 1935 bis 1993 mit effektvollen Schlaglichtern ausleuchtet und neben der Nazi-Vergangenheit auch noch die Wiedervereinigung mit ins Spiel bringt, weil die fragliche Villa des Großvaters in Dresden steht. Ein bisschen tragisch und ein bisschen komisch ist dieser perfekt gemachte Theaterabend, ein bisschen erschreckend und ein bisschen poetisch – alles schön in homöopathischen Dosen, sodass eine unterhaltsame, spannende Geschichte mit ausreichend Tiefgang und Ergriffenheit aber ohne Risiken und Nebenwirkungen herauskommt.

Und eine historische Modenschau! Denn der Clou dieser würdevoll gedämpften Geschichtsrevue sind die detailgetreuen Kostüme: die prachtvollen Pelzmäntel, in denen Oberklasse-Damen 1935 auftraten, die Offiziersuniformen mit Hakenkreuzbinde, später die Kopftücher und Schürzen des Trümmerfrauen-Looks, und in den Siebzigern tragen gesetztere Damen Kroko-Taschen zum Leopardenkragen, während jüngere im Hippiekleid antanzen oder aber – Variante ost – in blauer FDJ-Bluse. Ein „Stein“ des Anstoßes ist diese Aufführung also nicht. Sie beschert uns vielmehr (paradox genug) vergnügliche Vergangenheitsbewältigung, buchstäblich „für die ganze Familie“. Heftiger Applaus.

Weitere Vorstellungen

am 22. und 30. Dezember sowie am 5., 14. und 24. Januar;

Telefon 089/ 2185-1940.

Alexander Altmann

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