Anmutiges und Nostalgisches in luftiger Höhe: Szene aus „Nebbia“. Die Show ist eine Koproduktion des kanadischen Cirque Éloize mit dem Schweizer Teatro Sunil. foto: Deutsches Theater

"Nebbia": In Omas Fantasiewelt

München - Zwölf Artisten kommen mit ihrer Show „Nebbia“ ins Fröttmaninger Zelt des Deutschen Theaters

Luftakrobat Benoît Vis isst seinen „Hammer-Burger“. Zwei Tomatenscheiben, ein Salatblatt und 350 Gramm Hackfleisch. Und dazu einen Berg Pommes. Vier Stunden Training und zweieinhalb Stunden Show liegen hinter dem Franzosen, alles in fünf Metern Höhe und nur an zwei Stoffbändern hängend, liegend oder drehend. Davor, dazwischen und danach gab’s unzählige Bananen, Äpfel und andere Figur-Freundlichkeiten. Jetzt ist es 23 Uhr, jetzt braucht er was G’scheids. Sein geschundener Körper und seine mit roten Striemen überzogenen Oberarme verlangen danach.

Der Mitzwanziger ist einer von zwölf Artisten, die mit „Nebbia“ im November ins Deutsche Theater nach München kommen. Auch wenn sie ihren Nebel selber mitbringen, düster ist die Kooperation des kanadischen Cirque Éloize mit dem Schweizer Teatro Sunil nicht. Eher anmutig, leidenschaftlich und sinnlich. Genauso wie die vorangegangenen Teile „Nomade“ und „Rain“ der Trilogie über den Himmel.

Regisseur und Autor Daniele Finzi Pasca, der sich 2006 um die Verabschiedungszeremonie der Olympischen Winterspiele in Turin gekümmert hat, steckte seine Akrobaten, Musiker, Schauspieler und seinen Clown in eine nostalgische Fantasiewelt. Er versetzte sie in den Ort zurück, in dem seine Oma einst lebte.

In dem spanischen Restaurant sitzt neben Benoît Vis Kollege Felix Salas. Schmatzend und witzelnd, während er sich ein Steak samt Kartoffelecken genehmigt. Genauso wie Benoît Vis wurde auch er für die Show von Daniele Finzi Pascas Mitarbeitern auf dem Onlineportal You-Tube entdeckt. Der Paraguayer ist ein Schlangenmensch, wie seine Familie mütterlicherseits. „Das habe ich aber nur durch Zufall entdeckt“, sagt er. Fortan entwickelte er die Fähigkeit weiter, verdiente damit seinen Lebensunterhalt. Doch der Job als Straßenkünstler sei wenig lukrativ gewesen, jetzt bei „Nebbia“ mache es mehr Spaß. In einer windelartigen weißen Baumwollhose sitzt er mit nacktem Oberkörper auf der Bühne und dreht Letzteren sanft und ohne sein breites Lachen zu verlieren um rund 180 Grad nach hinten. Schlicht und meist in Eierschal-Weiß ist die Bühne gehalten. Hier strahlt alles eine angenehme Ruhe aus. Das Motto „Höher, schneller, weiter“, eigentlich ideal für einen Zirkus, mag Regisseur Daniel Finzi Pasca nicht.

So passt auch die gesamte Ausstattung inklusive Technik in nur einen Lastwagen. Egal, ob das bühnengroße Trampolin, die Plastik-Fleischkeulen für den Metzgerladen oder Daniele Finzi Pascas Großmutter. Im Januar verstarb sie mit 103 Jahren. In „Nebbia“ setzte er ihr ein Denkmal: Sie rollt als Schneiderpuppe aus Draht mit Perlen-Kollier immer mal wieder auf die Bühne. Die Artisten tanzen um sie herum. Multitalent Stéphane Gentilini spielt dazu Blockflöte. Manchmal singt er auch. Oder er schwingt fünf Hulahoop Reifen an Armen, Beinen, dem Kopf oder Po.

Dem Clown Gonzalo Munoz Ferrer assistiert Daniel Finizi Pasca auch. Dazu rennt er in einem Ganzkörperkondom über die Bühne, oder im Tütü. Egal. Seine Arbeit macht ihm Spaß. Für die München-Aufritte muss der Franzose auch Deutsch lernen. Ein Sprachtrainer nahm die Sätze auf Band auf, er plappert sie nach. So hat er auch Russisch gelernt. Dort waren die zwölf Artisten während ihrer gefeierten Welttournee auch schon. Und nach jedem Auftritt sind sie auch dort gemeinsam Essen gegangen. „Das stärkt den Zusammenhalt der Truppe“, sagt Luftakrobat Benoît Vis. Und natürlich die Muskeln.

Angelika Mayr

9. bis 20. November im Fröttmaninger Zelt des Deutschen Theaters.

Karten unter der Telefonnummer 089/ 55 23 44 44.

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