In Nebel gehüllt

- Natürlich ist das alles ganz aktuell: Dass eine Gemeinschaft, ob Dorf oder Staat, die Schwächsten zu ihren Opferlämmern macht und dabei selbst käuflich ist. Und man braucht nicht viel Weitsicht, um zu erkennen, dass Scheinmoral immer ein aktuelles Thema bleiben wird. Es stellt sich daher erst recht die Frage, warum Prinzipalin Cordula Trantow bei ihrem Südbayerischen Theaterfestival in Bad Wörishofen und Starnberg "Der Besuch der alten Dame" aufführen lässt. Denn Regisseur Uwe Niesig schafft es, Dürrenmatts bitterböse, satirische Komödie weder böse, noch sonderlich satirisch zu inszenieren, ihre Daueraktualität mit schrulligen Hut- und Hosenträger-Outfits zu kaschieren und selbst an den amüsantesten Stellen des Dramas Komik zu vermeiden. In einer seltsamen Zwitterwelt lässt er es spielen, wo der Pfarrer in der Soutane die Bibel vor sich herträgt und der Krämerladen mit Computerkasse arbeitet.

Genauso oberflächlich sind die Charaktere gezeichnet: Cordula Trantows mondäne Rachegöttin Claire Zachanassian zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie theatralisch die Nase gen Schnürboden reckt, und die Ärztin dadurch, dass sie Kittel und Arzttasche trägt. Die Eunuchen-Diener stellen Sprechautomaten dar, als ob sie mit ihrer Männlichkeit auch ihren Verstand verloren hätten. Und selbst die Zuggeräusche vom Band sind derart schludrig geschnitten, dass sie beim Halten der Bahn noch ihr Fahren suggerieren. Die Nebelmaschine, die das ganze lieblose Spiel leider selten, aber dann mit aller Kraft in einen schamvollen Schleier hüllt, scheint das Einzige zu sein, was hier prächtig funktioniert. Nicht ganz. Es sind da noch Ezard Haußmann als Ex-Liebhaber der alten Dame und Stefan Lisewski als wankelmütiger Bürgermeister, denen man gern zuschaut. Haußmann lässt viel von dem einstigen Hansdampf Alfred Ill aufscheinen, den die Todesangst jetzt fast in den Wahnsinn treibt. Bis er erkennt, dass er es in dieser verdorbenen Gesellschaft immer noch zum Märtyrer bringen kann. Und so verwandelt sich der alte Betrüger Ill in den Sympathieträger des Stücks und vermag mit dem Abend ein wenig zu versöhnen. Noch am 27., 28.8. und 1., 2., 4.9. in Bad Wörishofen (Tel. 08247/ 99 33 57) sowie am 9.-11., 16.-17.9. in Starnberg (Tel. 08151/ 77 21 36).

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