Nebenjob an der Isar

- "Es war, als hätten sie auf mich gewartet, ebenso, wie ich auf sie gewartet habe." Euphorische Worte des Maestros, im September 1999 gesprochen. Doch sie beschönigten einen fast missglückten Start - und weckten Hoffnungen, die kaum erfüllt wurden. James Levine und die Münchner Philharmoniker, das war keine heiße und enge Liebesbeziehung, sondern eine sich abkühlende Arbeitsehe auf Zeit.

<P>Dabei brachte die Verpflichtung Levines im November 1997 - nach Querelen um die Gage und dummen Debatten um seinen Leumund - den radikalen Wechsel. Ein Sonnyboy des Musikmarktes stand nun am Pult, kein (begründeter) Szene-Verweigerer wie Vorgänger Sergiu Celibidache. Levines Amtsantritt fiel überdies in eine Zeit, als Geld noch kaum ein Thema war. Bis in die kleinste Nebenrolle leistete man sich bei Opern-Projekten Weltstars, bot in den Chef-Programmen Instrumentalisten der S-Klasse: Levine, der Name stand für Luxus.<BR><BR>Und der Amerikaner ging über die deutsch-romantische Tradition hinaus, konfrontierte Orchester und Publikum mit Komponisten seiner Heimat sowie konzertanten Opern. In Erinnerung bleiben etwa herausragende Mahler-Aufführungen, eine phänomenale Deutung von Schönbergs "Moses und Aron", die himmlischen Längen des "Parsifal" vom vergangenen Wochenende, aber auch Fragwürdiges im Falle Mozart (inklusive des total missglückten "Idomeneos") - und Konzerte, die meist über zweieinhalb Stunden dauerten. "Ich bin eben Maximalist", begründete Levine seine Vorliebe für Giga-Abende.<BR><BR>Doch überlange Aufführungen, die manchmal nur notdürftiges Proben erlaubten, auch die Erweiterungen des Repertoires bekamen den Philharmonikern nicht immer gut. Denn wer sich Celibidaches Münchner Live-Mitschnitte zum Vergleich anhört (oder die Konzerte in Erinnerung hat), der begreift, zu welch ausgetüftelter, intonatorisch bestechender Klangkultur das Orchester einst fähig war. Eine Kultur, die nur bedingt etwas mit Levines phonstarkem, eindimensionalem Edel-Sound zu tun hat. Eine Kultur, die eigentlich nur noch in Konzerten mit Zubin Mehta und Christian Thielemann gefragt war - was für die Zukunft Schönstes erwarten lässt.<BR><BR>Trotz der maximal 24 Auftritte, die sein Vertrag fixierte, kam es nicht zu einer "Marken-Identität" Levine/Philharmoniker. Der Amerikaner blieb der New Yorker Met-Chef, der auch einen Nebenjob an der Isar hat. Zumal sich Levine nur um seine Konzerte kümmerte, also kaum als Chefdirigent wirkte. Diese Arbeit überließ er dem starken Intendanten Bernd Gellermann, auf dessen Kosten der philharmonische Tapetenwechsel ging. Die ambitionierten, manchmal experimentellen Programme, die jungen, viel versprechenden Gastdirigenten, die verstärkte Jugendarbeit, auch der Kampf um städtische Finanzmittel: All das war Gellermanns Werk, so dass die vergangenen fünf Spielzeiten weniger durch Levine, sondern durch seinen Intendanten geprägt wurden.<BR><BR>Monumentales zum Abschied</P><P>Auch wenn "Jimmy" mit dem monumentalen Mahler-Programm am Wochenende, mit dem "Lied von der Erde" und der zweiten Symphonie, der Abschiedsjubel sicher ist: Genauso verquer, wie sich seine Berufung vollzog, so endet auch sein hiesiges Wirken. Immer mehr Proben und Konzerte, auch die jüngste Tournee musste er krankheitsbedingt absagen. Und als klar war, dass er zum Boston Symphony Orchestra wechselt, dass Thielemann kommen würde, da sprach alle Welt nur noch vom Nachfolger, der das Ensemble in sein ureigenes, deutsch-romantisches Fahrwasser zurücksteuern möge. Was nichts Anrüchiges ist - die Münchner sind bei Bruckner, Brahms & Co. eben Weltspitze, dann sollten sie dieses Repertoire auch spielen. Levine und die Philharmoniker: War's also eine Ära? Eher eine Episode.</P>

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