Und ich nehme mir die Freiheit

- Mit "Schlachten!" wurde er international bekannt; mit "Traum im Herbst" bescherte er den Münchner Kammerspielen den Hit der letzten Saison; und im März wird er hier - zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses - "Othello" inszenieren: der Belgier Luk Perceval. Mit seiner Version von "König Lear" gibt er bereits jetzt einen kleinen Vorgeschmack darauf: "L.King of Pain" von heute bis Samstag in der Münchner Jutierhalle. Den Lear, der bei Perceval an Alzheimer leidet, spielt Thomas Thieme, Münchens zukünftiger Othello.

<P>Was gab es nach "Schlachten!" für Sie zu Shakespeare noch zu sagen? </P><P><BR>Perceval: Viel, würde ich meinen. "King Lear" ist nicht so sehr politischer Kommentar, mehr einer auf den Menschen und seine Natur. Besonders angesprochen hat mich die Idee vom Verlust: Wie ist es, Haare und Zähne zu verlieren, seinen Sinn und Verstand, sein Gut und sein Geld? Shakespeare philosophiert über das Leben auf eine Weise, dass es regelrecht bedrohlich wirkt. Man muss ihn auch als Zuschauer mit dem Herzen verstehen. Ich nenne das rituelles Theater. Bei Shakespeare geht der Mensch vom Nichts ins Nichts. Shakespeare ist ein großer Meister darin, jedes Mal mit dem Abgrund des Lebens zu konfrontieren. In diesem Sinn verstehe ich sein Theater als Ritual: Es weckt das Mitleid füreinander und für uns selbst. </P><P><BR>Und was können Sie an "Othello" noch Neues entdecken? <BR><BR>Perceval: Mit "Othello" hat er auf wahnsinnig kluge Weise einen Thriller geschrieben: wie man auf so etwas Abstraktes wie Eifersucht hereinfällt, ein Opfer der eigenen Fantasie werden kann. <BR></P><P>Halten Sie sich, da Sie so von Shakespeare sprechen, selbst für spirituell? <BR><BR>Perceval: Ja, in dem Sinn, dass ich Theater begreife als Weg, den Sinn des Lebens zu erfassen. <BR><BR>Ist Shakespeare in Ihrem Schaffen eine Konstante, derer Sie sich immer wieder gerne vergewissern? <BR><BR>Perceval: Jedenfalls fasziniert er mich jedes Mal aufs Neue. Das ist wie Bibellesen - eine große Geheimsprache. Das sind Texte, von denen man nicht einmal weiß, wie sie aufgeführt worden sind. Shakespeare ist eine große Inspirationsquelle für mich. <BR>Und ich nehme mir die Freiheit, die er sich selbst im Umgang mit Stoffen genommen hat. Ich habe seine Stücke ja im ursprünglichen Shakespeare-Englisch gelesen. Und es fiel mir leicht. Ich habe einen Freund, der unter Hypnose Spanisch sprach, obwohl er`s nicht beherrscht. In seiner Familiengeschichte gab es Spanier. Wer weiß, vielleicht habe ich etwas mit Shakespeare zu tun. . . <BR></P><P>Ein Lear, der wie der Ihre am Verlust seiner Frau leidet, erlebt der nicht einen ganz anderen Konflikt als der originale Lear? <BR><BR>Perceval: Das ist die Diskussion, ja. Die Wikinger-Sage, die für Shakespeare Pate stand, fängt an mit dem Tod der Frau. Und wir haben uns gefragt, warum hängt er so stark an der Tochter Cordelia. Es macht ihn verrückt, dass sie die Wahrheit sagt. Später verwechselt er sie sogar mit seiner Frau. Bei uns sieht er nach dem Tod der Frau nicht mehr die Wirklichkeit. "King Lear" ist keine schöne Geschichte darüber, wie man schön alt wird. So wie "Othello" ein Stück ist über die Angst vor Eifersucht, ist der "Lear" eines über die Angst vorm Altwerden. Die Wissenschaft sieht das anders. Aber wir machen keine Wissenschaft auf dem Theater. Auch bei "Schlachten!" sind wir so verfahren. Doch die Stücke kennt man nicht so gut, und daher waren die Meinungen weniger vorgefasst als bei "Lear". <BR><BR>Sie verließen einst das Stadttheater in Antwerpen, um in der freien Szene die "Flämische Welle" mitzubegründen. Was versteht man darunter, und was ist davon übrig geblieben, jetzt, wo Sie Intendant jenes Stadttheaters sind? <BR><BR>Perceval: Wir haben mit wenig Geld Klassiker inszeniert, Racine, nicht wie er in Paris, Kleist, nicht wie er in Deutschland, und Shakespeare, nicht wie er in London gespielt wurde. Wir wollten lebendiges Theater. Und die Kritik unterstützte uns. Jetzt, als Intendanten, sollen wir Publikumserfolge liefern, kein aufregendes Theater mehr machen. Das sei elitär. Dabei hat sich, was mich persönlich angeht, nichts geändert. Eigentlich sind wir inzwischen nur extremer geworden. <BR>Früher habe ich über die Logik des Lebens und die der Liebe Theater gemacht. Heute gehe ich davon aus, dass es keine Logik gibt, keine guten und keine schlechten Menschen, dass jeder, der auf der Bühne steht, Recht hat. <BR><BR>Das Gespräch führte  Christine Diller <BR></P>

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