Nein zum Krieg im Irak

- Es ist spät am Abend. Der Max-Joseph-Platz in München und die Maximilianstraße sind stark belebt. Vorstellungsende: Die Menschen strömen aus den Theatern. Vor dem Residenztheater eine Traube von Passanten. Sie sind aufgehalten durch einen ungewöhnlichen Anblick: Schauspieler, die sie gerade eben auf der Bühne gesehen haben, in "Pancomedia" oder dem "Friedensfest", noch in Kostüm und Maske, haben ein Transparent entrollt. Darauf steht: "Nein zum Krieg im Irak." So demonstrieren sie seit dem vergangenen Donnerstag nach jeder Vorstellung - ob vor dem Residenztheater oder vor dem Theater im Haus der Kunst.

<P>Der Anstoß, sich als Ensemble so öffentlich zu äußern, kam von Stefan Hunstein. Das Unbehagen gegenüber der Bush-Politik und die Angst vor einem Krieg trieben ihn dazu: "Mir wurde klar: Plötzlich befinden wir uns nicht mehr in Friedenszeiten. Und es drängte mich, etwas tun. </P><P>Ich habe Jens Harzer angerufen und ihn gefragt, ob wir nicht anfangen sollten zu demonstrieren. Abends, während der Vorstellung von ,Pancomedia, haben wir das besprochen." Und auf der Hinterbühne gleich begonnen, ein Transparent mit entsprechendem Text zu besprayen. Zunächst, so Hunstein, war an folgenden Satz gedacht: "Ein Angriff auf den Irak kostet neun Milliarden Dollar im Monat." </P><P>Das wäre ein Text gewesen, der etwas mit Strauß' "Pancomedia", in dem es ja um Geld geht, zu tun hat. "Aber da war es ein bisschen schwierig, dass sich alle darauf geeinigt hätten." Jetzt heißt es schlicht und eindeutig: "Nein zum Krieg im Irak." Die Schauspieler also haben die Bühne verlassen und geben - vor dem Theater und jenseits ihrer Rollen - den Zuschauern Gelegenheit, sich mit ihnen zu identifizieren.<BR><BR>Diese tägliche Aktion, die beim Publikum auf großen Anklang stößt, ist eine Initiative der Schauspieler des Staatsschauspiels, nicht der Theaterleitung. Hunstein: "Wir machen das bewusst außerhalb des Theaters und nicht etwa im Zuschauerraum. Das könnte möglicherweise Ärger mit der Staatsregierung geben. Und das wollten wir nicht." Dennoch weiß sich das Ensemble mit seinem Intendanten einig. Hunstein: "Dieter Dorn stand am zweiten Abend selber mit uns draußen."<BR><BR>Natürlich weiß auch Stefan Hunstein, und mit ihm wissen es die anderen, dass ihre Demonstration keinen Einfluss ausübt auf die große Politik: "Aber wir wollen - unabhängig von unserer Hilflosigkeit in dieser Sache - Haltung zeigen. Wir leben zwar in einer Info-Gesellschaft, aber eigentlich wissen wir doch gar nichts. Außer: dass Bilder gefälscht und Berichte zensiert sein können. Wir sind in eine Zeit zurückgefallen, in der ein Botenbericht glaubhafter ist, als es die Medien sind."<BR><BR>Glaubhaft in ihrer Haltung und ihrem Anspruch an die Wahrheit wollen sich jedoch nicht allein die Schauspieler präsentieren. Ab der kommenden Woche mischt sich auch das Bayerische Staatsschauspiel - über die konkreten Inszenierungen hinaus - offiziell ein in den Protest gegen den Krieg.</P><P> Hunstein: "Geplant sind jeweils vor der Vorstellung Lesungen von Texten passenden Inhalts." Dazu werde das Foyer umgestaltet. Und wer sich noch daran erinnert, wie vor zwölf Jahren Dieter Dorn und sein gesamtes, damals noch Kammerspiele-Ensemble am Vorabend des Kuwait-Krieges ihr Theater öffneten, um gemeinsam mit unzähligen Zuschauern ihrem Protest Ausdruck zu geben, - wer damals also mit dabei war, der kann sich denken, wie engagiert und qualifiziert nun die Mannschaft des Staatsschauspiels hier ihre Sorge manifestieren wird.<BR><BR></P><P><BR><BR> </P>

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