Autor Pal Nagyiván lebt in Puchheim, hat ungarische Wurzeln und ist mit einer Nepalesin verheiratet. fkn

Nepals Seele erstickt

Puchheim - Persönliche Reiseberichte über ferne Länder gibt es viele. Pal Nagyiván aus Puchheim hat daher über Nepal lieber einen Roman geschrieben. Denn er ist quasi mit dem Himalaya-Staat verheiratet.

In Kathmandu fällt Pal Nagyiván ein Geldschein in die Hände. Auf dem freien Feld des nepalesischen Scheines steht etwas mit der Hand geschrieben. Der Deutsche mit den ungarischen Wurzeln bittet seine Frau, eine Nepalesin, zu übersetzen. „Birendra, du bist ein Dieb! Verlass das Land“, liest sie vor und erklärt, dass beschriftete Geldscheine im Bürgerkrieg, der von 1996 bis 2006 ihr Land erschütterte, keine Seltenheit waren. Birendra hieß der König. Mit der Aufschrift wollten die Rebellen das durch ihn und das feudale System unterdrückte Volk aufrütteln.

Manchen Reisenden genügt das als Antwort. Nagyiván nicht. Er legte den Geldschein in sein Reisetagebuch und nahm sich vor, dem nachzugehen. Denn der Puchheimer ist einer, der nicht lockerlässt. Er blätterte in Fachzeitschriften und stellte solange Fragen, bis er mehr wusste. „Das Interesse für fremde Kulturen ist mir in die Wiege gelegt worden“, erklärt der Sohn eines Ungarn und einer Deutschen. Ihm genüge das gängige „romantische Klischee“ von Nepal nicht. „Ich will wissen: Was steckt dahinter?“

Klar, auch ihn als begeisterten Bergsteiger faszinierte vor allem das gewaltige Himalaya-Gebirge. Deswegen reiste er 1997 mit dem Alpenverein nach Nepal. Doch seit er das erste Mal dort war, tauchte er immer tiefer in die fremde Kultur ein. Vielleicht auch deswegen, weil er bei einem seiner Aufenthalte im Himalaya-Staat seine Frau kennengelernt hatte, mit der er heute in Puchheim lebt.

Längst sind die Nepal-Reisen des 46-Jährigen keine Trekking-Abenteuer mehr, sondern dienen der Recherche. Über das, was er gehört und beobachtet hat, hat Nagyiván ein Buch geschrieben: „Nepals blutige Taube“. Es ist kein Reisebericht, in dem er sich auf persönliche Urlaubseindrücke konzentriert. „Es geht mir nicht um private Eindrücke, ich will auf ein fremdes Land und dessen Menschen aufmerksam machen“, erklärt Nagyiván, der sich selbst eher zurücknimmt und dem es fernliegt, allzu viel Persönliches preiszugeben. Lieber sollen seine Leser eine Figur aus Nepal begleiten, wie diese den Aufstand der Rebellen und den Bürgerkrieg erlebt. „Nepals blutige Taube“ ist ein spannender Roman - dessen Handlung Nagyiván jedoch frei erfunden hat.

„Momentan wird das Land im Jahresrhythmus von Veränderungen überfahren, sodass Nepals Seele kaum mehr Luft holen kann“, sagt Nagyiván. Er reist fast jährlich in den Staat, allerdings muss er sich dazu Urlaub nehmen. Denn hauptberuflich bildet Nagyiván Radiologie-Assistenten am Münchner Klinikum Großhadern aus. Erst abends daheim hat er Zeit, um im Internet Nachrichten über Nepal zu suchen. Seit zwei Jahren ist die Monarchie dort abgeschafft. Die Bevölkerung leidet momentan an den Folgen von Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise. Da aber nicht jeder die Muße hat, sich ständig einen Überblick über die Entwicklungen in Nepal zu verschaffen, will Nagyiván informieren. Und tatsächlich: Nach der Lektüre des Romans weiß der Leser, wie sich die nepalesische Bevölkerung derzeit fühlt. Nagyiván ist ein Lehrer, er kann gut erklären. „Ich sehe mich aber nicht als Nepal-Kenner“, sagt er selbst. „Ich versuche das, was ich sehe und erfahren habe, als Beobachter zu schildern.“

In seinem Roman geht es um Bisej, einen jungen Mann, der sich den Rebellen anschließt. Er bricht aus einer Gemeinschaft aus, in der Frauen unterdrückt werden. Nicht länger will er dort leben, wo Dorfbewohner mit okkulten Praktiken Ängste schüren, um sich einen Vorteil zu verschaffen. „Es herrschte eine krasse Unzufriedenheit bei den Nepalesen“, erklärt Nagyiván. „Wer reich ist in Nepal, hat die Macht. Er kauft sich die Menschen und hält sie wie Sklaven“, lässt der Autor im Buch seine Figur sagen.

So ähnlich hat Nagyiván zwei Rebellen reden hören. Mit ihnen kam er zufällig ins Gespräch, als er spät abends, was in Nepal eher ungewöhnlich ist, noch spazieren ging. Begegnungen wie diese notiert Nagyiván genau in seinem Tagebuch. Deshalb wirkt sein Roman authentisch. Auch die Familie seiner Frau löchert Nagyiván immer wieder mit Fragen zu ihren Traditionen. Nicht umsonst: Die sorgfältig protokollierten Begegnungen und das gesammelte Material wie der beschriftete Geldschein hat er in sein Buch eingearbeitet. Und Pal Nagyiván besitzt noch viele vollgeschriebene Notizhefte. Bestimmt kann er weitere ebenso packende Geschichten erzählen.

Verena Bach

Pal Nagyiván: „Nepals blutige Taube“. Südwestbuch-Verlag, München, 152 Seiten; 11,80 Euro.

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