Aus Neptuns Fluten

- Sie umgibt die Aura einer Kunst, die Jahrtausende überstanden hat. Sehr alt, sehr monumental. Dass sich das Auratische noch verstärken lässt, beweist derzeit die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" im Berliner Martin-Gropius-Bau. Bei der Schau wurde jetzt, nach einem Monat, der 100 000 Besucher begrüßt. Die Statuen, Münzen, goldenen Schmuckstücke, die Schriftsteine, Pfeilspitzen, Keramiken, die Spiegel, Schüsseln und Öllämpchen schauen auch nicht anders aus als aus Sand gegrabene Objekte. Aber all diese Exponate wurden durch eine aufregende Tauchexpedition aus dem Mittelmeer geborgen.

Der Unterwasser-Archäologe Franck Goddio hatte mit seiner Crew Hunderte von Gegenständen aus der Bucht von Alexandria geholt. Dieses legendäre Zentrum Ägyptens am Mittelmeer war genauso wie die Nachbarstadt Kanopus untergegangen - verschwunden in Neptuns Fluten.

Was für die Besucher der Präsentation nur zum Teil nachvollziehbar ist, die Unterwasserwelt, das Finden der Werke durch die Taucher und die Bergung, kann man in dem exzellent gemachten Bildband des Münchner Prestel Verlages in Ruhe verfolgen. Und hat zugleich die Möglichkeit, sich genau in die einzelnen Stücke zu vertiefen; denn das reich bebilderte Buch ist zugleich ein präziser, aussagekräftiger Katalog.

Schön ist, dass neben den Befunden der Forschungsarbeit und den spannenden Geschichten am Meeresgrund (mit ihren fabelhaften Fotos) in dem Buch ein informativer Bogen vom geheimnisvollen Reich der Alten über die Römer bis zum heutigen islamischen Alexandria geschlagen wird: So prangt auf einer Doppelseite die besonnte Silhouette der neuen Stadt mit all ihren Kuppeln. So beeindruckt die römische Plastik, die den Nil verkörpert - erst Muschel-verkrustet, dann fein gesäubert. So übertrifft an Würde und in sich ruhender Macht die Kolossalstatue des Gottes Hapi (fünfeinhalb Meter hoch, sechs Tonnen schwer) alles andere. Super-erotisch aber ist die Plastik einer Königin (3. Jh. v. Chr.): Ihre Nacktheit wird raffiniert betont durch ein hauchdünnes Gewand - alles aus Granit gemeißelt! Kein Wunder, dass sich die griechischen Bildhauer da ein Beispiel nahmen.

Buch: "Ägyptens versunkene Schätze". Hrsg. Franck Goddio, Manfred Clauss. Fotografien von Christoph Gerigk. Prestel Verlag, München u.a., 463 Seiten; 29 Euro.

Ausstellung: bis 4.9., www.gropiusbau.de; www.aegyptens-versunkene-schaetze.org

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare