Nervenzerfetzender Thriller

Die Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek ist der richtige Ort: Dort sind die acht Teile der einzigartigen, kostbar illustrierten Ottheinrich-Bibel zu bestaunen.

Als heuer im Winter verkündet werden konnte, die Ottheinrich-Bibel ist wiedervereinigt und in München, war das ein Freudentag - und das glückliche Ende eines nervenzerfetzenden Thrillers. Jetzt aber kann der Besucher ganz entspannt in der Staatsbibliothek an der Münchner Ludwigstraße dieses spätmittelalterliche Neue Testament besichtigen. Es ist das erste, das in deutscher Sprache - als Prachthandschrift auf Pergament - niedergeschrieben wurde. Darüber hinaus wurde es mit großformatigen, farbenprächtigen Bildern ausgestattet. Damit ist dieses Werk das früheste (1430) seiner Art, das erhalten blieb.

Das mächtige Buch (53 auf 37 Zentimeter) mit seinen 307 Blättern hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Zu der passt der letzte Akt. Das Werk war im 19. Jahrhundert - damals in Gotha - der besseren Handhabung wegen in acht Bände zerlegt worden. 1936 gelangte es nach Heidelberg. Fünf Teile blieben dort bis zur Wiedervereinigung und gingen dann an die "Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha'sche Stiftung für Kunst und Wissenschaft". Die anderen drei Bände kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Coburg und wurden 1950 von der Staatsbibliothek gekauft.

Im vergangenen Jahr - zu spät - erfuhr die "Stabi" von Verkaufsplänen für die fünf Teile. Man ließ zwar die gefährdeten Stücke auf die Liste der nationalen Kulturgüter setzen, die nicht ins Ausland geschafft werden dürfen, aber die Kostbarkeiten (Schätzpreis 2,9 Millionen Euro) waren schon in London bei Sotheby's. Damit griff die Regelung nicht mehr. Ende November 2007, vier Tage vor der Versteigerung, konnte die Ottheinrich-Bibel für Deutschland gerettet werden. Bayerns Kunstminister Thomas Goppel hat sich massiv dafür eingesetzt; zugleich halfen die Stiftungen der Länder, Bayerns, der Bund, private Stiftungen sowie die Kirchen beim finanziellen Kraftakt. Sodass jetzt Rolf Griebel, Generaldirektor der Bibliothek, sagen kann: "Das ist eine der bedeutendsten Erwerbungen seit der Säkularisation." Die Dramatik des Falls hat den Freistaat dazu veranlasst, eine Gesetzesinitiative zum Schutz von Kulturgütern zu entwickeln. Jeder der acht Bände ist nun - aufgeschlagen - unter größten Schutzmaßnahmen in der "Stabi"-Schatzkammer einzusehen. 2009/ 10 reist die Bibel nach Frankfurt, Berlin, Gotha und Bamberg.

1430 hatte Ludwig der Bärtige von Bayern-Ingolstadt die Prachthandschrift in Auftrag gegeben. Sechs Regensburger Buchmaler - sie blieben anonym - machten sich an die Arbeit; schafften allerdings nur 29 der 146 Miniaturen (lateinisch "miniare" heißt "rot bemalen"). Ottheinrich von Pfalz-Neuburg erbte das Neue Testament, und ab 1530 sollte der Lauinger Künstler Mathis Gerung die übrigen Bilder anfertigen. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges kam die Ottheinrich-Bibel unter Maximilian I. nach München und danach über Weimar nach Gotha. Dort blieb sie bis 1936.

So verkörpert dieses geteilte Buch, dieses Gesamtkunstwerk aus bodenständiger Religiosität (bayerische Sprache), Sinnenfreude, Bibliophilie und repräsentativer Pracht eben auch die deutsche Geschichte. Aber als Betrachter freut man sich natürlich vor allem an den überaus frisch wirkenden Illuminationen. Gerungs Vorgänger verwendeten noch fleißig Gold, hatten gleichwohl Spaß an kräftigen Szenen: wenn sich zum Beispiel bei der Heilung des Besessenen die Säue in die Fluten stürzen (Mk 5,1-20). Gerung, ein Mensch der Renaissance, erzählt noch lebhafter, stellt die Personen, ihr Wesen, ihre Beziehungen in den Vordergrund. Selbst als ihr Untergang in der Apokalypse gekommen ist, das siebente Siegel geöffnet wird und vier Posaunenstöße Katastrophen über die Erde bringen (Offb 8,1-13), erinnert der Künstler noch an die Menschlein in ihrer Not.

Bis 10. August,

Eintritt frei, Mo.-Fr. 9-17 Uhr, Do. 9-20 Uhr, Sa./So. 13-17 Uhr; Katalog, Faksimile Verlag, Luzern: 29,90 Euro.

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