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Netflix bringt „Guillermo del Toros Pinocchio“ ins Kino: Weh und Wunder

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus dem Netflix-Film „Guillermo del Toros Pinocchio“
Als Ersatzsohn betrachtet Geppetto (li.) seinen Pinocchio, den er aus einem Holzblock geschält hat. © Netflix/dpa

Guillermo del Toro und Mark Gustafson haben für Netflix die Geschichte von „Pinocchio“ neu interpretiert. Jetzt kommt der Film in die Kinos – und läuft dann im Dezember beim Streamingdienst.

Manchmal lässt sich das ganze Weh und Wunder des Lebens anhand eines Kiefernzapfens erzählen. So wie es Guillermo del Toro und Mark Gustafson tun, die ihre Version von „Pinocchio“ mit dem Bild dieser Frucht beginnen – und enden lassen. Jetzt kommt der Film in die Kinos; beim Streamingdienst Netflix ist er vom 9. Dezember 2022 an im Programm. Es ist ein Projekt, an dem viele Jahre gearbeitet wurde – es hat sich gelohnt. Der mexikanische Regisseur und der US-Meistertüftler für Stop-Motion-Filme haben Carlo Collodis (1826-1890) Roman von der Holzpuppe, die unbedingt ein Junge aus Fleisch und Blut sein möchte, mit Respekt vor dem Original adaptiert. Zugleich haben die beiden die dunklen, existenziellen Aspekte der Geschichte entdeckt und verstärkt, die neue Interpretationsansätze erlauben. Natürlich wird auch hier vom Holzschnitzer Geppetto berichtet, der Pinocchio aus einem Baumstamm schält – getrieben von der Trauer um den eigenen Buben, der durch eine Fliegerbombe im Ersten Weltkrieg getötet wurde.

„Guillermo del Toros Pinocchio“ läuft ab 9. Dezember 2022 bei Netflix

Diese Vorgeschichte gibt den Ton vor, den del Toro und Gustafson anschlagen: Letztlich verhandeln sie die entscheidenden Fragen des Menschseins, Fragen nach Erwartungen und (bedingungsloser) Liebe, nach Trauer, Sehnsucht, Verlust, Einsamkeit. Und über all dem steht die Frage, was denn nun ein erfülltes Leben ausmacht.

Die Antwort der beiden Regisseure fällt klar aus. Die Handlung haben sie in die Dreißigerjahre verlegt, als Mussolini allerorts gefeiert wird – und die Italiener ihm begeistert folgen, so unreflektiert und mechanisch wie Puppen. Da braucht es schon einen wie Pinocchio, um den Menschen den Irrsinn ihres Verhaltens vorzuführen – und obendrein die Sinnhaftigkeit der paramilitärischen Ausbildungslager für die Jugend, die es tatsächlich gab, ad absurdum zu führen und zu entlarven. Es sind die politischsten, düstersten Szenen des Films.

„Guillermo del Toros Pinocchio“ spielt in Mussolinis Italien

Aber „Pinocchio“ ist freilich auch die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn sucht – und eines Sohnes, der lernen muss, wem er vertrauen kann. Um die Entwicklung von Geppetto und Pinocchio zu veranschaulichen, greift das Regie-Duo sogar auf die Bibel und die Geschichte von Jona und dem Wal zurück. Erst als sie das Seeungeheuer wieder ausspeit, fürchten weder Vater noch Sohn die göttliche Kraft der Liebe, die immer auch mit Verletzbarkeit einhergeht. Erzählt wird all das wunderbar blasiert von einer Grille, die ihre Gattung im Nachnamen trägt: Sebastian J. Grille will an seinem Schreibtisch, über dem das Porträt Schopenhauers hängt, seine Memoiren niederschreiben, als er ins Leben von Geppetto und Pinocchio purzelt. Gewitzter Autor, der er ist, erkennt er das dramaturgische Potenzial dieses wundersamen Paares.

Guillermo del Toro und Mark Gustafson glückt es sehr elegant, mit Stimmungen und Atmosphären zu spielen. Die Animationen – der Film ist koproduziert von der Jim-Henson-Company, die Heimat der „Muppet Show“ – sind optisch hinreißend, detailverliebt und gewissenhaft. Ein Beispiel: Je älter Geppetto wird, desto schwerfälliger bewegt sich die Figur. Nur den Gesang, den hätten sich die Macher sparen können. Am Ende kehrt der Film dann zu seiner ersten Einstellung zurück. „Es kommt, wie es kommt“, heißt es da. „Und dann sind wir weg.“ Doch der Zapfen der Kiefer bleibt. Und das ist tröstlich.
(Noch mehr Kino und Netflix? Lesen Sie hier unsere Kritiken zu „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ sowie zu „Im Westen nichts Neues“, Deutschlands Kandidat für die Oscars 2023.)

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