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Anna Netrebko und ihr Ehemann in Salzburg

Netrebko und Beczala in Gounods „Roméo et Juliette“

Salzburg - Nicht Schnürl-Regen aufs Seidenkleid, nicht Schampus-Versiegen an der Pausenbar, ja nicht einmal ein Vorstellungsausfall. Salzburgs Super-Gau sieht anders aus: wenn die Vorstellung stattfindet, aber ohne Anna.

Vor zwei Jahren ist das passiert, als sich die Netrebko statt „Roméo et Juliette“ verständlicherweise ihrer Schwangerschaft widmen wollte. Man werde, so beschwichtigte die Festspielleitung seinerzeit, alles nachliefern. Was untertrieben war. Denn jetzt, neu besetzt, frisch einstudiert und mit funktionierenden Vokalartisten, ist das Gounod-Glück in der Felsenreitschule perfekt.

Anno 2008 musste der damals schon angekratzte Rolando Villazón die Star-Gier allein befriedigen. Jetzt, mit Piotr Beczala, wird offenbar, was man sich wirklich unter Gounods Roméo vorzustellen hat: keinen Tenor, der sich mit hemdaufreißender Emphase an der Rolle abarbeitet, sondern einen Stilisten. Einen Sänger, der Gounods Musik idiomatisch erfühlt, die Vokallinie mit biegsamer, intensiver Legatokultur erfüllt - und der erst da zulangt, wo es Gipfelpunkte wirklich verlangen. Dass Beczala gegen Ende Konditionsschwächen zeigte, weil er mit zu viel Premierendampf startete: geschenkt. Und von seiner lächerlichen Villazón-Perücke sollte ihn ein gnädiger Maskenbildner demnächst dringend erlösen.

Ähnliches bei Anna Netrebko, die in Catherine Zuber (Kostüme) offenbar eine Intimfeindin gefunden hat. Doch die russische Österreicherin nahm’s mit der ihr eigenen Ironie. Im ersten Bild, auf dem Maskenball der Capulets, führte sie ihr missliches Outfit eine pikante Spur zu überdreht vor: Anna spielt Oper. Um dann im Laufe des sehr langen Abends (warum sollte Gounod nicht kürzbar sein?) die Wandlung vom aufgekratzten Teenie zur gereiften, an der Welt zugrunde gehenden Frau vorzuführen.

Eigentlich ist Anna Netrebko über die Juliette hinaus. Angetäuschte Verzierungen in der ersten Arie, auch verschliffene Koloraturen zeugen davon. Was kein Nachteil sein muss, hat die Netrebko doch eine respektable Entwicklung hinter sich: von der einst so frostig-farbarm Singenden zur Sopranistin mit erstaunlicher dramatischer Souveränität. Größer ist ihre Stimme geworden, runder, tragfähiger, gehaltvoller auch in den leisen Momenten. Die Szene der Juliette im zweiten Akt gestaltet sie als Tragödin mit dem hörbaren Bewusstsein, dass derzeit alles gelingt. Verdi ist demnächst und folgerichtig dran, die „Troubadour“-Leonore. Die „Lohengrin“-Elsa wäre ein Muss - der dafür erforderliche Sprachkurs sollte für den Star bezahlbar sein.

Verständlich, dass von diesem Paar hohe Ansteckungsgefahr ausging. Ausgeglichener, viel freier als 2008 präsentierten sich die Kollegen. An der Spitze Mikhail Petrenko, der als Frère Laurent vorführte, dass russische Bässe nicht nur orgelnde Brummbären sind, sondern Französisches auch idiomatisch singen können. Und für Yannick Nézet-Séguin, heftig begehrter Jung-Dirigent und in Salzburg noch mit dem „Don Giovanni“ betraut, ist „Romeo et Juliette“ ohnehin eine Maßanfertigung. Mit jeder Faser lebte der Kanadier am Pult des willigen Mozarteum-Orchesters die Partitur aus. Ob knalliger Walzer-Effekt, intensiv zelebrierter Trauerton oder saftigstes Melos: Genauso, so hochemotional muss diese Partitur realisiert werden. Fehlt nur noch ein passender Regisseur. Doch Bartlett Sher versteht mit Bühnenbildner Michael Yeargan das Stück als große Beschäftigungsaktion. Als Mantel-und-Degen-Show zwischen „Piraten der Karibik“ (Montaigus) und einem dem Fundus entrissenen „Rosenkavalier“ (Capulets). Ein paar wenige, eindrückliche Zeichen gibt es zwar, etwa das Riesenlaken als Todessymbol, der Rest erschöpft sich im Breitwand-Musical. Egal, wegen der Inszenierung war ohnehin niemand gekommen.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen,

teilweise mit Zweitbesetzungen: 13., 16., 18., 20., 23., 24., 27., 30. August;

Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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