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Bei Verdis „Il Trovatore“ stehen bei den Salzburger Festspielen mit Placido Domingo und Anna Netrebko zwei Weltstars auf der Bühne.

Verdis "Il Trovatore"

Netrebko und Domingo in Salzburg: Kritik der Premiere

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Salzburg - Bei Verdis „Il Trovatore“ stehen bei den Salzburger Festspielen mit Placido Domingo und Anna Netrebko zwei Weltstars auf der Bühne. Hier lesen Sie die Kritik der Premiere am Samstag. 

Das Hemd ist himmel-, die Hose dunkelblau, um den Hals der Hausausweis, in der Hand eine Taschenlampe mit Scheinwerferkraft. Und so linkisch, wie dieser Uniformierte ums Eck schleicht, wird klar: Das hat noch niemand mit Plácido Domingo gemacht. Der Tenorissimo, mittlerweile tiefer gelegt zum Baritonissimo, als Museumswärter ausstaffiert, dafür hat sich der Abend fast schon wieder gelohnt. Und auch der Co-Star wacht über die Herrschaften in Öl. Anna Netrebko, mit Nerd-Brille und Langhaarperücke, macht allerdings durchaus Bella Figura – womöglich ein Tipp für die Zeit nach Erlöschen der Stimmkraft?

Verdis „Il trovatore“ im Großen Festspielhaus

Wenn der Tag geht, kommen in diesen Sälen die Gespenster. Dann reicht die Identifikation der grauen, blauen Aufsichtsmäuse mit den Bildern so weit, dass sie zu den Gemalten werden. Theater auf dem Theater, das Konzept schimmelt ja schon. Theater im Museum, so wie es jetzt Regisseur Alvis Hermanis für Verdis „Il trovatore“ bei den Salzburger Festspielen verordnet hat, ist dagegen ziemlich in. Weil sich, so der mitschwingende Kommentar, Oper ja ohnehin dauernd (und grundlos) gegen den Vorwurf des Überholten, Vermufften wehren muss. Anlass genug wäre das für hübsche Spielereien. Doch hier, auf der Bühne des Großen Festspielhauses, wird nicht gespielt. Hier entsteigt keiner den Riesenrahmen. Hier ringt keiner mit einem Alter Ego, hier tritt keiner in spannenden Austausch mit den Museumsbesuchern in Zivil. Hier gehen die Sänger einfach ins Off und kommen so gewandet wieder, wie sich die Orthodoxen das Musiktheater zurückwünschen. Der Samt bauscht, die Hände ringen, die Rampe lockt. Man schaut hin und scheint etwas zu riechen, es ist der Geruch von Mottenkugeln.

Salzburger Festspiele: So agieren Domingo, Netrebko & Co

Dabei ließe sich mit der Versuchsanordnung jonglieren. Verdi verdammt schließlich seine Figuren dazu, Opfer ihrer Vorgeschichte zu sein. Manche wie Azucena driften darob ins schwere Trauma, andere wie Manrico verzweifeln, weil sie immer nur Häppchen ihrer Herkunft erfahren. Die Durchdringung von Einst und Jetzt, die Vergangenheit als Zuflucht oder Ort der Katastrophe, das würde schon zu Doppelbödigkeiten und zum Ausbauen der Museumschiffre einladen. Bei Hermanis jedoch bleibt alles nur papiernes Konstrukt. Was sich hier auf seiner eigenen Bühne bewegt, sind nur die Schauwände mit einem gemalten Troubadour und Madonnen samt Jesulein und Johannesknabe.

Zum Tanz der Gemälde agieren Domingo, Netrebko & Co. so, als habe man sie zwei Stunden vorher als Einspringer instruiert und ihnen Kostüme übergestülpt, die Eva Dessecker nach dem Renaissance-Musterbuch nähen ließ. Domingo macht das als Graf Luna mit Instinktdramatik, geballter Faust, am Ende mit vernehmlichem Schluchzen. Doch bei allem Respekt vor der Opernlegende: Auch als Bariton ist er eigentlich nicht mehr tragbar. Manche Töne sind imposant herausgestemmt, andere nur angedeutet und verlieren sich im deklamatorischen Irgendwo. Es gibt Text- und Tempoprobleme, die Arie ist ein einziger kurzatmiger Kampf.

Fast alles will der Netrebko gelingen

In die Gegenrichtung bewegt sich gerade Anna Netrebko. Der Übertritt ins Dramatische, das lässt vor allem ihre Leonora hören, hat ihr mehr als gut getan. Erwacht ist da ein Mut zur Nuance, überhaupt zur Gestaltung. Als habe jemand den Vorhang vor ihrem guttural-verhangenen Sopranklang weggezogen. Die Stimme hat an Dimensionen und Farben gewonnen. Die großen Momente haben Diven-Aplomb, bei gedimmter Dynamik sind keinerlei Verspannungen zu hören. Fast alles will der Netrebko momentan gelingen, das Überwältigen mit raumgreifenden Phrasen, aber auch das Feinmechanische. Die Finesse einer Anja Harteros oder Krassimira Stoyanova mag ihr (noch) abgehen, dafür kann man sich an ihrer Vokalglut schier nicht satthören.

Francesco Meli bleibt da der Part als hochachtbarer Sparringspartner. Manch einer begreift den Manrico ja nur als Absonderer einer berühmten Stretta. Die singt Meli mit Anstand, Vollplayback im Chor-Aufruhr, beim Spitzenton wird die Handbremse angezogen. Ansonsten hört man die lyrische Vergangenheit durch. Die Stimme springt leicht an, ist prachtvoll in der Vollschwingung, wird mit Geschmack geführt. Letzteres wünscht man sich bei Marie-Nicole Lemieux. Ihre Azucena bewegt sich zwischen dramatischem Eiern und gefauchten Tönen. Immerhin: Effektvoll hinfallen kann sie.

Jubel bei den Salzburger Festspielen

Auf was Daniele Gatti am Pult der Wiener Philharmoniker hinauswill, erschließt sich kaum. Leonoras Szenen werden bedeutungsschwanger verschleppt, dann gibt es plötzliche Temperamentsanfälle. Die Chöre wackeln, manche Details werden herausgearbeitet, andere entgehen Gattis Lust und Aufmerksamkeit. Wenn etwas passiert, dann ist das weniger logisch, sondern gemacht. Ein Künsteln, unstet und eitel, das Verdis subtile Klang- und Tempodramaturgie ignoriert. Für eine Versöhnungsaktion reicht das alles trotzdem. Das jubelnde Salzburger Publikum, das ist gerade bei diesem „Trovatore“ zu spüren, hat sich ausgetauscht seit den Zeiten von Gerard Mortier oder Peter Ruzicka. Ein paar Buhs musste Hermanis trotzdem einstecken, der Rest kam ungeschoren davon. Dabei hat Hermanis’ Pinakothek der Misere ungewollt die beste Pointe parat: So präsentiert, ist Oper nicht ein Fall fürs öffentliche Museum – sondern fürs Depot.

Weitere Aufführungen

am 12., 15., 18., 21., 24.8. (ausverkauft, Restkarten evtl. unter Tel. 0043/ 662/ 8045-500);

Salzburger Festspiele im TV

15. 8., 20.15 Uhr, Arte.

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