Neuanfang wagen

- Vom Himmel durch die Welt zur Hölle: Wenn man des Gottes Neptun ozeanisches Reich als unterweltlich gelten lässt - Clive Bayleys infernalisch-kraftvoller Bass und die bedrohlich schnarrenden Akkorde des Regals sprachen dafür - dann ist Claudio Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" tatsächlich Welttheater im Goethe'schen Sinne.

<P>An Tier und Vögeln fehlt' es bei der Wiederaufnahme zu den Münchner Opernfestspielen im Prinzregententheater auch nicht - da sei David Alden vor: Selbst der größte Sauertopf konnte sich wohl ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn der Völlerer Iro eine - problematischerweise noch nicht gehäutete - Katze verspeiste, die offensichtlich aus der Zucht des darob nicht sehr amüsierten Hirten Eumete stammte. </P><P>Bei all dem ihm gegebenen Sinn für Klamauk aber verliert Alden nicht aus den Augen, was schon Homers "Odyssee" vom archaisch-mythischen Kollektivismus ihres Schwesterwerks "Ilias" abhebt: die Entdeckung des menschlichen Individuums. Eine Tragé´die humaine ist es, die sich hier abspielt, Menschen aus Fleisch und Blut leiden und lieben: eine zwischen Trauer und den Verlockungen eines Neuanfangs hin- und hergerissene Penelope, von Vivica Genaux schauspielerisch und stimmlich gleichermaßen intensiv verkörpert, der sonor-präzise, seelisch versehrte Ulisse von Rodney Gilfry, Toby Spences mit vitaler Klangrede und nuanciert gesungener, am Ende so ratlos wirkender Telemach. Auch die übrigen Gesangsleistungen, die koloratur-agile Minerva Francesca Provvisionatos, Alison Hagley als Melanto/Juno und alle anderen bewegten sich ausnahmslos auf hohem und höchstem künstlerischem Niveau. </P><P>Im Graben zauberten Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters und das Monteverdi-Continuo-Ensemble unter Christopher Moulds mit Lirone, Erzlaute, Harfe, Cembalo einen Generalbass, der alle menschlichen Regungen von den zartesten bis zu den brutalsten vergegenwärtigte. Solche Idealbedingungen überwanden alle prinzipielle Fremdheit hochbarocken Musiktheaters, vier Stunden vergingen wie im Flug. Jubel. <BR></P>

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