Zorn über neue Besucherregelung an Bayerns Theatern – Kulturträger gehen juristisch dagegen vor

Corona-Politik verärgert Kulturträger: „Wir waren zu brav“

Von Michael Schleicher und Markus Thiel

Nicht eine Ansteckung hat es bei Aufführungen der Bayerischen Staatsoper gegeben: Blick ins mit 500 Besuchern „gefüllte“ Nationaltheater, nun dürfen nach dem Willen der Staatsregierung nur noch 50 hinein.

Bayerns Corona-Politik verärgert die Kulturszene. Steigt der Inzidenzwert über 100, dürfen im Publikum der Theater, Opernhäuser und Konzertsäle nur noch 50 Menschen sitzen. Das frustriert Künstler und Intendanten.

Enttäuschung, Frust, Unverständnis, vor allem Zorn – viel kommt da zusammen, wenn man mit den Theaterchefs und Orchestervertretern über die neue bayerische Besucherregelung spricht. Nur 50 statt 200 beziehungsweise 500 Zuhörer in Gasteig und Staatsoper bei einem Inzidenzwert über 100, diese Anordnung hält man für nicht gerechtfertigt. Argumentiert wird mit der Realität: Noch immer habe es keinen Ansteckungsfall durch eine Aufführung gegeben.

Neue Corona-Regeln machen den Pilotversuch hinfällig

„Es macht uns ärgerlich und wütend, dass es nicht mehr mit Logik zugeht“, sagt Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner. Die Politiker seien mit Argumenten nicht mehr zu erreichen. Wagner verweist auf das Hygienekonzept für die Philharmonie, das sogar rund 700 Besucher ermöglicht und bislang nie zum Tragen kommen durfte. Bekanntlich nimmt sein Haus mit der Bayerischen Staatsoper und der Nürnberger Meistersingerhalle am Pilotprojekt des Freistaats teil, das 500 Gäste erlaubt, bis mindestens Anfang November gelten sollte – und nun mit der neuen Verordnung Makulatur ist.

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„Ob 50, 200 oder 500 Besucher im Gasteig sitzen, das ist mit Blick auf das Ansteckungsrisiko doch im Grunde egal“, empört sich Nikolaus Pont, Manager des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Die Sinnhaftigkeit der aktuellen Maßnahme erschließe sich ihm nicht. Ponts Überlegungen gehen noch weiter: Durch derartige Regelungen werde die Kultur immer mehr mit Angst belegt: „Wer will sich künftig überhaupt noch eine Karte kaufen? Wie wird das aussehen, wenn unsere Institutionen überhaupt nicht mehr auf die Beine kommen?“

Corona-Regeln: Münchens Philharmoniker müssen von 500 auf 50 Zuschauer reduzieren

Nicht nur bei seinem Orchester ist gerade Krisenmanagement in Sachen Karten gefragt. So gastieren in dieser Woche der Dirigent Klaus Mäkelä und Pianist Igor Levit. Die Konzerte sollten im Herkulessaal vor jeweils 200 Besuchern stattfinden, nun werden 50 ausgelost, die ihr Ticket behalten dürfen; die anderen bekommen eine Absage und eine Erstattung. Etwas anders läuft die Sache bei den Münchner Philharmonikern, die von 500 auf 50 reduzieren müssen. Hier wird nach Eingang der ursprünglichen Bestellungen verfahren. Seit Sonntagabend werden die Kunden telefonisch oder anderweitig verständigt. An den Abenden mit Andris Nelsons wird in dieser Woche auf jeden Fall festgehalten.

Bayerische Staatsoper, Gärtnerplatztheater und Residenztheater handeln ganz anders. Hier werden alle Tickets storniert und erstattet. Die Vorstellungen gehen dann nochmals in den Verkauf, dieses Mal allerdings nur mit 50 Besuchern. Wobei es sein kann, dass die Sache anders ausgeht: Die Staatsoper hat gestern den juristischen Weg beschritten und eine Ausnahmegenehmigung beim Kreisverwaltungsreferat beantragt, um weiter vor 500 Gästen „oder sogar noch mehr Besuchern“ spielen zu dürfen. Verwiesen wird dabei auf einen zweimonatigen Praxistest, der vom Klinikum rechts der Isar und von Wissenschaftlern der Technischen Universität München begleitet wurde: „Das Publikum fühlt sich bei uns sicher – und wir sind überzeugt, dass es das auch darf.“

Staatsoper und Residenztheater hoffen auf Sondergenehmigungen

Auch das Bayerische Staatsschauspiel hat gestern eine Sondergenehmigung beantragt, um bei einem Inzidenzwert von über 100 weiter vor 200 Menschen im Residenztheater spielen zu dürfen. „Es gab bisher nachweislich keine Infektion bei einem Theaterbesuch“, sagt Ingrid Trobitz, stellvertretende Intendantin. „Daher sind wir irritiert, dass zum Beispiel Gottesdienste unlimitiert stattfinden dürfen, unseren Hygienekonzepten aber nicht weiter vertraut wird.“ Am Resi laufen derzeit die Endproben für „Dantons Tod“; Premiere ist am Freitag – nun hofft man auf die Ausnahmeregelung. Sollte sie nicht kommen, werde eben alles vor 50 statt vor 200 Besuchern gegeben. Das gilt auch für die Vorstellung von „M(3)“ am Donnerstag im Marstall, bei der bislang 74 Menschen im Publikum sitzen sollten.

Trobitz stellt klar: „Wir spielen auch vor 50 Zuschauerinnen und Zuschauern – weil es unserem Publikum gegenüber nicht fair wäre, zuzusperren, obwohl wir spielen dürfen.“ Natürlich könne das Staatsschauspiel so nicht kostendeckend arbeiten. „Unser Wunsch war, für 400 oder 500 zu spielen“, dann wäre es für das Haus auch wieder möglich, Abo-Aufrufe zu starten. „Wir zwingen ja niemanden, zu uns zu kommen“, sagt Trobitz. „Unser Publikum kommt aber – auch weil es offensichtlich unserem Hygienekonzept vertraut.“

Corona-Regeln: Gasteig-Chef deutet Verfassungsklage an

Hätte doch alles ganz anders laufen können? „Wir waren in der Vergangenheit viel zu brav“, formuliert es Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner. Er deutet an, dass Verfassungsklage erhoben werden könnte – immerhin sei die Kultur in der bayerischen Verfassung als Staatsziel verankert. Offenbar wird Derartiges aus Kunstkreisen bereits vorbereitet, und zwar über das Instrument der Popularklage.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die bayerischen Behörden in Sachen Besucherzahlen keine fest zementierte Front bilden. BR-Orchestermanager Nikolaus Pont durfte gestern in einem Telefonat mit der Münchner Residenzverwaltung erfahren, dass diese einer Ausnahmegenehmigung für den Herkulessaal durchaus offen gegenüberstehe – wobei die Frage ist, ob sich diese Haltung auch in den Hierarchiestufen darüber durchsetzt.

Corona: Varieté-Theater GOP stellt Spielbetrieb vorerst ein

Seitens der Münchner Philharmoniker hofft man auf ein Zusammenwirken der kommunalen Kulturinstitutionen. Dazu gebe es „Abstimmungsgespräche der verschiedenen Institute“, wie Orchestersprecher Christian Beuke sagt. Noch stärker trifft alles ohnehin die freien Veranstalter. Das Münchner Varieté-Theater GOP hat alle Termine bis einschließlich 18. November abgesagt. Die Komödie im Bayerischen Hof verschiebt die für 4. November geplante Premiere von „Vier Stern Stunden“; wann sich für diese Produktion der Vorhang heben wird, ist noch unklar. Bis 8. November läuft in dem Privattheater nun die aktuelle Inszenierung „Halbe Wahrheiten“ weiter – vorerst wie in allen anderen Häusern vor 50 Gästen.

Gasteig-Chef Max Wagner warnt in diesem Zusammenhang davor, die derzeitige Debatte nur unter „technischen Gesichtspunkten“ wie der Besucherzahl zu führen. Nun sei eine Grenze erreicht, an der ganze kulturelle Strukturen wegbrechen. „Es geht nicht um uns, der Gasteig wird irgendwie überleben. Aber die gesamte Kulturlandschaft trägt gerade bleibende Schäden davon.“

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