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Einen Lichthimmel stellen sich die Architekten für die sanierte Philharmonie vor, deren Ränge viel steiler werden sollen.

SANIERUNG DES MÜNCHNER KULTURZENTRUMS

Neue Gasteig-Details: Brückenschlag in die Zukunft

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Noch muss der Stadtrat entscheiden: Am Dienstag bekam der Gasteig-Aufsichtsrat eine neue Detailplanung für das Kulturzentrum vortgestellt.

München - „Das ist ein Wunder!“ Darunter macht es Max Wagner nicht. Doch der Gasteig-Geschäftsführer argumentiert mehrgleisig: Vor fünf Jahren wurde die Sanierung des Kulturzentrums beschlossen, der Kostenrahmen von 410 bis 450 Millionen Euro ist eingehalten worden, der Zeitrahmen erst recht, und mittlerweile hat der Architekt Gunter Henn seine Planung in Abstimmung mit allen Gasteig-Institutionen konkretisiert und verfeinert.

An diesem Dienstag bekam der Aufsichtsrat des Gasteig die neuen Pläne vorgelegt. Läuft die Diskussion in den nächsten Monaten nach Plan, kann der Münchner Stadtrat am 21. Oktober den Beschluss über das Sanierungskonzept fassen. Noch immer setzt sich dieses aus 25 „Steckbriefen“ zusammen, aus Einzelbausteinen also. Ob die vollumfänglich realisiert werden, ob einzelne abgespeckt oder gestrichen werden, darüber befinden nun die politischen Entscheidungsträger. Wagner legt Wert darauf, dass München keinen komplett neuen Gasteig bekommt: „80 bis 85 Prozent des Bestands behalten wir.“

Die von außen augenfälligste Neuerung ist die „Kulturbrücke“, wie sie der Gasteig-Chef nennt: ein gläsernes Element, das die Klinker-Fassade aufbricht und alle Teile des Gebäudes verknüpft. Die Verbindung von Philharmonie, Volks- und Musikhochschule sowie Bibliothek, die Vernetzung der „Gasteig-Bewohner“ und die Gemeinsamkeiten, all das soll architektonisch betont werden. Zentrales Element ist für Max Wagner die Kulturvermittlung – die Zusammenarbeit der Institutionen sei hier ausdrücklich erwünscht.

Der Komplex soll sich öffnen und mehr Raum für Begegnungen und Kulturvermittlung bieten.

Insgesamt soll sich der Komplex in mehrfacher Hinsicht öffnen. Durch Glasflächen, durch Atrien, die Licht hereinlassen. Durch eine Freitreppe hin zur Rosenheimer Straße. Aber auch durch Begegnungsflächen innerhalb des Gebäudes. 3500 Quadratmeter zusätzlicher Raum sollen dafür geschaffen werden. Besonders die Stadtbibliothek ist davon betroffen. Die soll als „dritter Ort“ begriffen werden – also nicht mehr als reine Ausleih- und Arbeitsstätte, sondern auch als Raum zum Verweilen für ein Publikum, das nicht unbedingt ein Buch mit nach Hause nehmen will. Ein derartiges Konzept wird vor allem in Skandinavien praktiziert. Das Münchner Architekturbüro Henn hat hierfür den betreffenden Bauteil völlig neu gestaltet – die Nutzer dürften ihn nicht wiedererkennen.

Auch die Philharmonie erfährt eine Umplanung. Der neue Saal ist nun symmetrisch, von der Kubatur her kleiner als die alte und bietet 2200 statt 2400 Zuhörern Platz – wobei diese Kapazität durch die Chor-Tribüne hinter dem Orchester aufgestockt werden kann. Der Akustiker Yasuhisa Toyota hat mit Architekt Henn steilere Ränge entworfen. Die Zuhörer sollen an das Podium herangeholt werden und nicht mehr bis zu 45 Meter entfernt vom Geschehen sitzen. Neu ist auch eine „Lichtdecke“. Diese besteht aus LED-Elementen, die an Stangen hängen und einen geschwungenen Licht-Himmel erzeugen. Dahinter verbirgt sich dann die Technik.

Mehr Licht, weniger Gänge-Labyrinth, das haben sich die Planer für Musikhochschule und Volkshochschule vorgenommen. Großzügiger und luftiger soll es werden, manche Räume sind auch von außen einsehbar. Die Glashalle soll das Portal für alle Gasteig-Bereiche werden. Der Besucher muss nicht mehr durch einen dunklen Gang gehen, laut Neuplanung ist der Eingang in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs.

Eine gläserne „Kulturbrücke“ soll alle Bauteile und Institute verbinden.

Durch die Umplanung des Gebäudes wird sogar Raum für einen neuen Saal gewonnen – und zwar auf Höhe des ersten Stocks, also am Ende der Bibliotheks-Rolltreppe. „Ein Ort der Debatte“ könne dort entstehen, erläutert Max Wagner, ein Forum für Diskussionen.

Dass einiges von der Ursprungsplanung abgespeckt wurde, räumt der Gasteig-Chef ein. Der Kleine Konzertsaal bleibe weitgehend erhalten, gespart wurde auch beim Carl-Orff-Saal – obwohl er künftig ein Multifunktionsraum sein soll und unter anderem das Münchener Kammerorchester beheimaten soll. Am Dachrestaurant über der Philharmonie mit seinem spektakulären Ausblick möchte Wagner festhalten, signalisiert aber, dass es auch hier Einsparpotenzial gebe.

Dass sich wieder kritische Stimmen zur Sanierung regen, ist in den vergangenen Wochen deutlich geworden (wir berichteten). Manche stellen die Renovierung angesichts finanzieller Nöte der Stadt grundsätzlich infrage oder wollen mit dem Freistaat, der ein eigenes Konzerthaus plant, kooperieren. „Es gibt sicher Einzelmaßnahmen, die sich leichter kürzen lassen als andere“, sagt Wagner. „Doch in jedem steckt ein Anteil der dringend notwendigen Grundsanierung.“ Er weist darauf hin, dass die „Steckbriefe“ verwoben seien und deshalb die Veränderung des einen Auswirkungen auf die anderen habe.

Mittlerweile, das ist aus Kreisen des Gasteig-Aufsichtsrats zu hören, tut sich eine andere Möglichkeit der Finanzierung auf. Die Stadt könnte mit einem externen Investor zusammenarbeiten. Der zahlt für die Renovierung, im Gegenzug mietet oder least die Stadt den gesamten Komplex. Das Modell ist nicht neu, so wurde einst beim Bau des Gasteig verfahren.

Das Kulturreferat betont die grundsätzliche Dringlichkeit der Sanierung. „Wenn man das umrechnet, kostet uns jede Gasteig-Institution 30 Millionen Euro“, sagt Sprecherin Jennifer Becker. „Jeder Besuch wird mit umgerechnet zwei bis drei Euro subventioniert, das sind nicht gerade Unsummen.“ Überdies stehe gerade der sanierte Gasteig allen Genres offen und garantiere für Vielfalt. Die Stadt habe sich mehrfach beim Freistaat erkundigt, ob es – wie schon einmal 2014 vorgefühlt – zu einer Zusammenarbeit, zu einer „Zwillingslösung“ bei der Nutzung der Philharmonie kommen könne. Doch sei, so Becker, kein Gesprächsbedarf signalisiert worden.

Was die Realisierung der Gasteig-Planung angeht, ist Geschäftsführer Max Wagner optimistisch. „Bei uns muss ja etwas saniert werden – im Gegensatz zur freistaatlichen Planung, die einen komplett neuen Saal vorsieht. Außerdem ist unsere Entscheidung keine für die Corona-Zeit, sondern für die nächsten 50 bis 70 Jahre.“

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